Literatur ist eine schwere und gute Sache, aber es gibt Leute, denen sie leichtfällt. Man nennt sie Schriftsteller. Die Sprache ist ihre Geliebte, sie müssen sie mit keinem tschechischen Widerstandskämpfer teilen und sich auch nicht mit dem französischen Polizeikommandanten anfreunden, später am Flughafen, wenn die Geliebte abgeflogen ist. Sie waren nie in Casablanca, diesem traurigen, lauten und nebligen Ort.

Manche aber müssen kämpfen und sich quälen, bis ein Satz, ein Absatz, ein Kapitel entsteht. Zu denen gehört Robert Coover, vielleicht seit jeher, spätestens aber seit "Casablanca, Spätvorstellung". Coovers Phantasie ist sein Casablanca, in dem er sich redlich mühen muß, um die Sprache den anderen auszuspannen, die schon vor ihm dort waren. Zum Beispiel Manuel Puig, der so schöne Bücher über das Kino geschrieben hat wie "Der Kuß der Spinnenfrau" oder "Die Engel von Babylon"; oder Walker Percy, der den "Kinogeher" verewigt hat. Robert Coover, der an der Brown University in Rhode Island Literatur lehrt, hat ein paar große Bücher geschrieben, besonders "Die öffentliche Verbrennung" (1977, deutsch 1983) und "Geralds Party" (1986, deutsch 1987). Beide "setzen sich intensiv mit der politischen und moralischen Realität Amerikas auseinander", wie ein Klappentextverfasser das formulieren würde, und beide sind sehr sarkastisch, "Geralds Party" sogar so sehr, daß es langweilig wird.

Coovers Name taucht auch auf einer Liste auf, die der neuerdings wieder lesbare amerikanische Kunstkritiker Lionel Trilling 1973 angelegt hat: als einer jener postmodernen Freigeister, die die Literatur des ausgehenden 20. Jahrhunderts herunterwirtschaften, indem sie sich statt für "individuelle Schicksale" nur noch für "Typisierungsverfahren" interessieren. Trilling war ein stockliberaler Traditionalist, Vorbehalte sind also angebracht; aber im Fall von Robert Coover hat er recht. Coovers Prosa verströmt ungefähr den gleichen süßsauren Geruch beharrlicher Anstrengung wie Elfriede Jelineks "Lust", und es wäre gewiß der philologischen Mühe wert, "Lust" und "Geralds Party" miteinander zu vergleichen; aber da Coovers Sujets nicht ganz so elementar, sondern eher hängen mag), wird sein Schreiben gelegentlich auch von dem feinen und furchtbaren Duft der Verwesung gestreift und dabei leichenblaß. Coover "typisiert" und strukturiert rasant, seine Verfahren sind dynamisch und präzise, aber seine Sprache kommt in der Eile nicht mit; etwas zieht an ihr, ein literarischer Wille, ein Konzept, doch statt sich zu beschleunigen, wird sie weich und stumpf; sie biegt sich und klebt wie ein Kaugummi. So hat die "Postmoderne" ihren Triumph und Lionel Trilling auch, "Casablanca, Spätvorstellung", Coovers neues Buch, besteht aus zwölf kurzen oder halblangen Prosastücken; alle handeln vom Kino, und zwar auf die beharrliche Art: Das bedeutet, sie machen es nach. Die Inhaltsangabe heißt "Programm" und ist einem Werbezettel aus der Stummfilmzeit nachempfunden; "Ausgewählte Kurzfilme" sind dabei, eine "Serie der Woche", ein "Reisebericht" und ein "Musikalisches Zwischenspiel"; jedes auf seine Art.

Das erste Stück ist das schönste: "Das Phantom im Kino", eine Dämmerstunde. Der Saal des Filmtheaters ist leer, das Deckenlicht erloschen, die letzte Vorstellung war vor langer Zeit. Nur der Projektionist, der Hüter des Palastes, ist noch da. Traumversunken streift er durch die Sitzreihen, sammelt Essensreste und weggeworfene Verpackungen ein und atmet den Geruch vergangener Tage. Dann zieht er sich in den Vorführraum zurück, sein Turmgemach, und packt seine Schätze aus. Der Projektionist führt Filme vor, das ist sein Handwerk, aber nun, da es sinnlos geworden ist, wird es endlich Kunst.

"Manchmal, wenn ein Film ihm nicht genug zu sein scheint, projiziert er zwei, drei, mehrere gleichzeitig und schafft so seine eigenen Leinwandaufteilungen, Montagen, Simultanbilder. Oder er nimmt Vielfachprpjektoren, um einen Fluß unwahrscheinlicher Überblendungen zu produzieren, verblüffend harte Schnittfolgen und eingefrorene Bilder, als bliebe ein Herz stehen, verwirrende Gegenüberstellungen von langsamen und schnellen Laufgeschwindigkeiten oder Ein- und Ausblenden, als atmete jemand mühsam Und manchmal läßt er die Projektorlampen ganz aus und lauscht bloß in der Dunkelheit dem Geräusch von Klecksen und Dämonen, von Robotern, galoppierenden Hufen und quietschenden Reifen, von knarrenden Türen, Schreien, Lust- und Angstgestöhn, Hupen und Knurren und sich schneuzenden Nasen, dem Aufschlag von Fäusten auf Gesichter und von Leibern aufs Pflaster, von Pfeilen auf Zielscheiben, von Raketen auf Monde "

Der Vorführer rast durch das leere Kino, stolpert, stürzt, fällt in die Tiefe und vollzieht die mystische Vereinigung mit seinem Element. Er fließt als Schatten auf die Leinwand und wird selbst zur Figur, getrieben und zerrissen vom Strom der Bilder. Der Projektionist ertrinkt in seinen Filmen, der Leser versinkt in den Träumen des Projektionisten. Danach haben beide das Beste hinter sich. Denn gleich nach seinem glorreichen Untergang ersteht das Kino in den poetischen Verfahren des Robert Coover wieder auf. Der Projektionist erwacht auf einem Plüschsessel im Parkett, der Leser in der hölzernen Umklammerung eines Konzepts. Beide sind betrogen. In den elf Texten, die dem Vorspiel folgen, zeigt Coover, was er alles imitieren kann: einen Western, einen Experimentalfilm, ein adventure Drama, eine Charlie Chaplin Komödie, eine Tanznummer von Fred Astaire; Charles Vidors "Gilda", Michael Curtiz "Casablanca". Jede einzelne dieser Episoden ist ein kunsthandwerkliches Schmuckstück, fein geschliffen und poliert; aber alle zusammen sind weniger als der Traum des Filmvorführers, nämlich Fasern, Splitter, erkaltetes und beliebiges Material. Coover schuftet wie der Maschinist aus Fritz Längs "Metropolis", um die Straßen der toten Kino Stadt zu erleuchten; aber wohin er auch seinen schweren Zeiger stemmt, ist alles schon verwest, verrostet, abgetan. Durch diese Prosa Basteleien fließt kein Strom, nur ein Haufen Ausrufezeichen weht hindurch als Zeichen der ungeheuren Anstrengung, aus der sie entstanden sind.

Das schlimmste an Coovers Buch aber ist nicht seine literarische Kraftmeierei, sondern die schlichte Geisteshaltung, die sich dahinter verbirgt. Coover möchte die Kinomythen, indem er sie nacherzählt, zugleich kommentieren; aber alles, was ihm dabei einfällt, sind Klischees, die sowieso jeder kennt: daß europäische Autorenfilme meistens vom Tod handeln und außerdem völlig unverständlich sind; daß die Bösewichte im Western Schnurrbärte tragen, mit den Augen rollen und spanisch plappern; daß Fred Astaire um seinen Spazierstock herumtänzelt und am Ende der Vorstellung den Hut zieht. Das sind Trivialweisheiten, die auch ein mäßig begabter HollywoodChronist zu Papier bringen könnte; Klatsch und Quatsch, Spielgeld der Phantasie; auf wienerisch: Schmäh.