Beide haben sich vereinigt. Jetzt sind Ost- und Westdeutschland politisch weitgehend gleichgestellt; wirtschaftlich aber klaffen sie auseinander. Im Westen herrscht Hochkonjunktur, während der Osten eine schwere Umstellungskrise durchmachen muß.

Wir wollten es endlich einmal wissen: Sind aus der ehemaligen DDR wirklich nur Katastrophen zu berichten? Und wenn dies so sein sollte: Wieso gibt es dann Unternehmer, die dort in großem Stil investieren? Beispielsweise die Stuttgarter Firma Robert Bosch, deren Vorsitzender Marcus Bierich als allererster unter den Großen ein Gemeinschaftsunternehmen mit einer FER Fahrzeugelektrik GmbH (früher VEB Ruhla) gegründet hat; das Werk in Eisenach stellt vornehmlich Scheinwerfer und Scheibenwischer her, zu den Kunden zählen auch VW und Peugeot. Bosch wird im östlichen Deutschland insgesamt 300 Millionen Mark investieren.

Ein anderes Beispiel: Daimler-Benz; der Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter steht unmittelbar vor dem Abschluß eines Investitionsvertrags über eine Milliarde Mark für ein Lkw-Werk in Ludwigsfelde südlich von Berlin, wo zunächst 20 000 Lastwagen, später sogar 40 000 im Jahr gebaut werden sollen. In den kommenden drei bis vier Jahren will Daimler-Benz insgesamt zwei bis drei Milliarden in der früheren DDR investieren.

Wir flogen also nach Stuttgart und besuchten zuerst Edzard Reuter und dann Marcus Bierich. Beide haben eine wichtige Erfahrung gemacht: "Die Qualität der Fachkräfte ist weit besser, als wir angenommen hatten, und die Belegschaften zeigen großes Engagement." Bierich vertraut den einheimischen Führungskräften und räumt ihnen viel Selbständigkeit ein. Zum Eisenacher Gemeinschaftsunternehmen mit seinen 2000 Beschäftigten entsandte er nur drei Mitarbeiter aus der Zentrale. Und bei einem anderen wichtigen Kooperationspartner, der Sebnitzer Elektrowerkzeuge GmbH mit 500 Arbeitnehmern, gastiert kein einziger Westdeutscher.

Natürlich legen Bierich wie Reuter den größten Wert auf die Schulung des Personals, das sich an die veränderten Abläufe erst gewöhnen muß. Zu den westdeutschen und deutschschweizerischen Werken von Bosch hat die Stuttgarter Firma 200 "hochmotivierte" Mitarbeiter zur Umschulung geschickt. Außerdem werden in Eisenach 300 Lehrlinge nach den neuesten Berufsbildern von Bosch trainiert; erst im September wurden hundert junge Menschen eingestellt. "Die Ausbildung ist der Schlüssel für alles andere", sagt Bierich.

Wann aber wird die ostdeutsche Wirtschaft in Schwung kommen? Der Bosch-Chef sieht eine Durststrecke von zwei, drei Jahren, bis sich das Blatt wendet. Derzeit sind es nicht nur die veralteten Anlagen, die auf die Produktivität drücken, sondern auch zwei andere Faktoren:

  • Viele Produkte sind von ihrer Konstruktion und ihrem technischen Design her äußerst kostenintensiv. Für die Entwicklung neuer Erzeugnisse, die rationeller herzustellen sind, bedarf es einer Frist von ein bis zwei Jahren.
  • Neben der Überbesetzung ihrer Belegschaft hemmt auch die viel zu große Fertigungstiefe manche Unternehmen: Im Westen stellt ein Automobilwerk höchstens fünfzig Prozent der Einzelteile selber her, den Rest bestreiten die Zulieferer; in der DDR wurden vom Kolbenring bis zum Lenkrad etwa neunzig Prozent in eigener Regie gefertigt. Denn die Zulieferbetriebe waren so unzuverlässig, daß man nicht von ihnen abhängen wollte. Aber auch hier läßt sich die Produktionsweise nicht von heute auf morgen umstellen.