Keine deutsche Wiedergeburt ohne Bekenntnis zum Deutschtum.

"Beim Bäcker und beim Metzger sage ich jetzt immer auf deutsch Guten Morgen, schönen Dank und auf Wiedersehen. Das wirkt, die Leute antworten neuerdings sogar auf deutsch Rosel Urban hofft, daß jetzt, da niemand mehr dafür bestraft wird, alle Deutschen in Oberschlesien so forsch auftreten wie sie "Ihr werdet sehen, im nächsten Jahr, da sprechen wir auf der Straße alle wieder deutsch "

"Stimmt, die Polen, die sollen ruhig überall m Oberschlesien das Deutsche hören", sagt Georg Smuda, der alte Dorfvorsteher von Nakel, und die anderen vier vom Vorstand des "Deutschen Freundschaftskreises" (DFK) nicken stumm. "Neulich, als ich auf der Straße deutsch sprach, da kam eine Polin und meinte: Wir sind hier in Polen, reden Sie doch polnisch. Da hab ich gesagt: Ich bin hier geboren. Ich spreche deutsch " Als Rosel Urban zur Welt kam, gehörte der oberschlesische Flecken Nakel zu Deutschland. Seit 45 Jahren heißt der Ort Naklo und liegt in Polen, aber Rosel Urban ist immer noch, darauf besteht sie, "deutsch gesinnt". In der Küche hangen, in einer Reihe, die Bilder vom Großvater (in wilhelminischer Uniform), vom Vater (m Wehrmachtsuniform) und vom Sohn (m Bundesgrenzschutzuniform). Und im ersten Stock schmückt eine SzW Zeitung die Wand: "Gott, segne unser deutsches Vaterland", lautet die schwarzrotgold gerahmte Schlagzeile.

In der großen Politik, im Bundestag, in der Volkskammer, im Sejm, reden sie weihevoll von Versöhnung und einer Grenze, die irgendwo ziemlich weit westlich von Nakel liegen soll, aber hier in Oberschlesien, da spielt das Leben eben ganz anders. In Nakel, so sagt es der alte Dorfvorsteher, den sie hier Scholtis nennen, soll jetzt "alles wieder werden, wie es sich gehört, so wie zu deutschen Zeiten".

Seit Juni, seit der ersten freien Kommunalwahl im Nachkriegspolen, sind die Kommunisten weg und "die Hiesigen" wieder da. Die deutsche Minderheit, die es erst seit ein paar Monaten geben darf, ist plötzlich überall dort die Mehrheit, wo die Vertreibung vor 45 Jahren Stückwerk blieb in den Dörfern rund um Oppeln und den Annaberg, jenen Hügel über dem topfplatten Oberschlesien, den der deutsch polnische Nationalitatenstreit in Oberschlesien 1921 in ein Schlachtfeld verwandelte. In Nakel stellt die Minderheit nun 22 der 24 Gemeinderäte. Beim Deutschen Freundschaftskreis haben sich seit seiner Gründung im Frühjahr 1056 Mitglieder registrieren lassen, mehr als 95 Prozent der ortlichen Bevölkerung. Die Vorstandsbeschlüsse des Freundschaftskreises kann niemand so leicht ignorieren.

"Wie ist das mit dem deutschen Gottesdienst, wie lange dauert das denn noch?" fragt Peter Patolla, ein 62jahriger, der sich 45 Jahre lang Piotr Patola nennen mußte "Der Pfarrer, der lehrt die Kinder ja nicht mal das Vaterunser auf deutsch " "Der ist nicht mit uns, das ist ein Pole", sagt Scholtis Smuda.

Rosel Urban: "Vom Pfarrer drüben in Raschau ist auch nichts zu erwarten. Der kann zwar deutsch, war Oberleutnant bei der Wehrmacht, aber jetzt hat er Angst "