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Keine deutsche Wiedergeburt ohne Bekenntnis zum Deutschtum.

"Beim Bäcker und beim Metzger sage ich jetzt immer auf deutsch Guten Morgen, schönen Dank und auf Wiedersehen. Das wirkt, die Leute antworten neuerdings sogar auf deutsch Rosel Urban hofft, daß jetzt, da niemand mehr dafür bestraft wird, alle Deutschen in Oberschlesien so forsch auftreten wie sie "Ihr werdet sehen, im nächsten Jahr, da sprechen wir auf der Straße alle wieder deutsch "

"Stimmt, die Polen, die sollen ruhig überall m Oberschlesien das Deutsche hören", sagt Georg Smuda, der alte Dorfvorsteher von Nakel, und die anderen vier vom Vorstand des "Deutschen Freundschaftskreises" (DFK) nicken stumm. "Neulich, als ich auf der Straße deutsch sprach, da kam eine Polin und meinte: Wir sind hier in Polen, reden Sie doch polnisch. Da hab ich gesagt: Ich bin hier geboren. Ich spreche deutsch " Als Rosel Urban zur Welt kam, gehörte der oberschlesische Flecken Nakel zu Deutschland. Seit 45 Jahren heißt der Ort Naklo und liegt in Polen, aber Rosel Urban ist immer noch, darauf besteht sie, "deutsch gesinnt". In der Küche hangen, in einer Reihe, die Bilder vom Großvater (in wilhelminischer Uniform), vom Vater (m Wehrmachtsuniform) und vom Sohn (m Bundesgrenzschutzuniform). Und im ersten Stock schmückt eine SzW Zeitung die Wand: "Gott, segne unser deutsches Vaterland", lautet die schwarzrotgold gerahmte Schlagzeile.

In der großen Politik, im Bundestag, in der Volkskammer, im Sejm, reden sie weihevoll von Versöhnung und einer Grenze, die irgendwo ziemlich weit westlich von Nakel liegen soll, aber hier in Oberschlesien, da spielt das Leben eben ganz anders. In Nakel, so sagt es der alte Dorfvorsteher, den sie hier Scholtis nennen, soll jetzt "alles wieder werden, wie es sich gehört, so wie zu deutschen Zeiten".

Seit Juni, seit der ersten freien Kommunalwahl im Nachkriegspolen, sind die Kommunisten weg und "die Hiesigen" wieder da. Die deutsche Minderheit, die es erst seit ein paar Monaten geben darf, ist plötzlich überall dort die Mehrheit, wo die Vertreibung vor 45 Jahren Stückwerk blieb in den Dörfern rund um Oppeln und den Annaberg, jenen Hügel über dem topfplatten Oberschlesien, den der deutsch polnische Nationalitatenstreit in Oberschlesien 1921 in ein Schlachtfeld verwandelte. In Nakel stellt die Minderheit nun 22 der 24 Gemeinderäte. Beim Deutschen Freundschaftskreis haben sich seit seiner Gründung im Frühjahr 1056 Mitglieder registrieren lassen, mehr als 95 Prozent der ortlichen Bevölkerung. Die Vorstandsbeschlüsse des Freundschaftskreises kann niemand so leicht ignorieren.

"Wie ist das mit dem deutschen Gottesdienst, wie lange dauert das denn noch?" fragt Peter Patolla, ein 62jahriger, der sich 45 Jahre lang Piotr Patola nennen mußte "Der Pfarrer, der lehrt die Kinder ja nicht mal das Vaterunser auf deutsch " "Der ist nicht mit uns, das ist ein Pole", sagt Scholtis Smuda.

Rosel Urban: "Vom Pfarrer drüben in Raschau ist auch nichts zu erwarten. Der kann zwar deutsch, war Oberleutnant bei der Wehrmacht, aber jetzt hat er Angst "

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Patolla: "In den Schlestschen Nachrichten, da habe ich gelesen, daß sie irgendwo, in Duisburg oder in Frankfurt, in sieben Kirchen die Beichte auf polnisch anbieten. Und hier? Nichts! Für die polnische Seele tut man alles, für die deutsche nichts "

Rosel Urban: "Sie müssen als Scholtis zum Pfarrer gehen und den deutschen Gottesdienst fordern, Herr Smuda!"

"Mach" ich doch. Der steht schon standig unter Druck. Der muß da weg, da muß ein deutscher Pfarrer hin "

Wieder Patolla, diesmal ärgerlich: "Und der Deutschunterricht, wann geht das endlich los, das Deutsche stirbt doch aus, und wir verlieren unsere Ansprüche "

Scholtis Smuda: "Ich muß mit der Direktorin sprechen "

"Eine Polin?"

"Nein, eine Unsnge "

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"Wir müssen verlangen, daß die Kinder vom ersten Jahr an Deutsch lernen. Aus jeder Familie wohnt doch jemand in Deutschland. Wenn die Kinder zu Besuch fahren und nur polnisch reden, da denken die in Deutschland doch, wir wären Polen "

"Manchmal fragt man sich, ob die in Bonn noch alle Tassen im Schrank haben. Da schicken sie dieses Schuljahr siebzehn Deutschlehrer, aber hauptsächlich hinten nach Polen und nicht nach Schlesien, wo wir sie herbeisehnen "

"Wir brauchen im Kreis Oppeln eine komplett deutsche Schule, für den Anfang. Aber das lassen die Polen bestimmt nicht zu "

"Das ist eine angeborene Krankheit, dieser Chauvinismus, dieser Haß der Polen Alle nicken. "Tja, Kinder", sagt der Scholtis, zum Schluß doch noch versöhnlich, "kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten "

Auf dem Heimweg passieren die DFK Vorstandler die verlassenen, heruntergekommenen Hauser jener Familien, die ausgesiedelt sind, do vadie Häuser der Daheimgebliebenen, jedes ein kleines deutsches Reich: weiße Tünche und Gartenzaune, Rabatten und Geranienkübel, gelegentlich Gartenzwerge und hölzerne Wagenräder, Rasenflachen, wie mit dem Lineal gepflegt - der einzige Ausdruck deutscher Lebensart, der während der vergangenen 45 Jahre straffrei blieb. Ordnung und Pedanterie als stille Opposition gegen das, was sie als "Polenwirtschaft" verachten. Seit dem Ende der Repression, seit der polnischen Wende vom vergangenen Sommer, ist auf den Dachern ein Wald von Satellitenantennen gewachsen - wenn schon nicht, wie es wohl die meisten in Nakel wünschen, heim ins Reich, dann wenigstens das Reich ins Heim. Tagesschau und Werbeblock, die allabendliche Emigration.

Nakel ist wie Raschau, Raschau wie Probsfelde, Probsfelde wie Strahlheim und Muldenau, wie Reichenhöh und Quellengrund - Namen, die nicht am Ortseingang und nicht in der Straßenkarte stehen, Namen, die kaum ein Pole kennt. Und doch haben, seit die Kommunisten verjagt sind, fast alle Menschen in diesen Dörfern erklärt, sie seien Deutsche oder deutschstämmig. In der Region Oppeln, vermutet der DFK, gehöre ein Viertel der Bevölkerung zur deutschen Minderheit, in ganz Schlesien rund 800 000 Menschen. Niemand weiß, ob diese Schätzungen zu hoch gegriffen sind. Seit am 3. Januar 1990 der erste Freundschaftskreis in Kattowitz zugelassen wurde, entstehen überall in Oberschlesien, vereinzelt auch in Niederschlesien, Pommern, Danzig und Ostpreußen Ortsgruppen des Freundschaftskreises, bisher rund 400. Binnen acht Wochen trugen sich, nachdem Tadeusz Mazowiecki die Regierung übernommen hatte, mehr als 300 000 Menschen in die "Liste der deutschstämmigen Bevölkerung" ein, "wissentlich und ohne Zwang", wie es im Briefkopf hieß. Danach wurden die Listen aus dem Verkehr gezogen. Denn daß die deutsche Minderheit in Polen nicht nur "eine Erfindung von Revanchisten" ist, wie es polnische Zeitungen behauptet hatten, schien nun bewiesen. Die Presse konterte mit der Behauptung, die meisten derer, die sich registrieren ließen, seien "Volkswagen Deutsche". Menschen, die lieber reich und deutsch als arm und polnisch sein wollten.

Seit der Kommunalwahl ist auch diese Argumentation zusammengebrochen. Denn welche wirtschaftlichen Vorteile sollten die Wähler erwartet haben, als sie in Oberschlesien rund zwei Dutzend deutschstämmige Bürgermeister wählten und der Minderheit in diversen Gemeindeparlamenten die Mehrheit bescherten? Für Johann Kroll, den alten, schon leicht buckeligen Gründervater der Freundschaftskreise - inzwischen nennen sie ihn "den Lech Walesa von Oberschlesien" , ist das der Durchbruch: "Jetzt muß jeder endlich einsehen: Es gibt uns, wir sind hier, wir waren immer hier, wir bleiben hier, und die können nicht weiter Politik über unsere Köpfe hinweg machen " Eine unbequeme Botschaft für die Regierenden in Bonn und Warschau: Just in dem Moment, da Helmut Kohl den quälenden Prozeß der Grenzanerkennung hinter sich wähnt und das Zeitalter der guten Nachbarschaft einläuten will, droht eine Revolte rüstiger Rentner: Menschen, die bei Kriegsende nicht flohen, die nicht gewaltsam vertrieben wurden, die sich nicht polonisieren ließen und auch nicht aussiedelten, klagen mit nationalem Pathos Rechte ein. Der uralte Nationalitätenstreit in Oberschlesien bricht mit der Demokratisierung in Polen wieder auf. Er trifft die Regierungen beider Länder unvorbereitet. Noch in der "Gemeinsamen Erklärung" von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, gerade elf Monate alt, wird die deutsche Minderheit wie ein Stiefkind behandelt. Man nennt sie nicht einmal beim Namen. Offene Ohren findet sie nur bei den totgesagten Vertriebenen Verbänden, die sich m Oberschlesien ein neues Einzugsgebiet erschließen.

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In dem Dörfchen Zawada, ehemals Bachweiler, nordwestlich von Gleiwitz gelegen, hat der Freundschaftskreis ein Haus zum "Deutschen Begegnungszentrum" ausgebaut, in dem Stil, den die 15 000 Gleiwitzer DFK Mitglieder schätzen: an den Wänden schwarzrotgoldener Stoff, aufrüttelnde Texte mit reichlich "Heimat", "Vaterland", "Schlesien", "Deutschland", eine Landkarte Deutschland in den Grenzen von 1937 , handsigniert von Herbert Hupka, dem schlohweißen Erzengel der Schlesien Vertriebenen. Auf dem Dach die obligatorische Satellitenschüssel, polnische Programme sind gar nicht erst einstellbar. Neben dem Fernseher das Videogerät, damit "auch die Jugend an das Deutsche gebunden wird". Das Haus ist ständig überfüllt.

Als sich die DFK Vorstände aus ganz Polen Mitte September hier treffen, steht Brisantes auf der Tagesordnung: Die Basisgruppen, gerade ein halbes Jahr alt, wollen eine politische Führung wählen. Ein "Rat der Deutschen", ein "Allunionsrat", soll im November, "wenn der Kanzler nach der Vereinigung den Kopf wieder frei hat", nach Bonn fahren. Erst danach steht die Reise "nach Polen", wie das in dieser Runde heißt, auf dem Programm. Man will Einfluß nehmen auf den Sejm, dessen Minderheitenschutzgesetz, seit langem angekündigt, noch aussteht. Für den neuen deutsch polnischen Vertrag, den Helmut Kohl sofort nach der deutschen Vereinigung aushandeln will, liegt der Forderungskatalog der Minderheit schon auf dem Tisch. Sprengstoff für die Regierenden: Deutschunterricht an allen Schulen in Oberschlesien, deutsche Schulen, Kulturzentren, Bibliotheken, Kindergärten, bundesdeutsche Schulbücher und Deutschlehrer, regionale Wirtschaftförderung für Schlesien, Autonomierechte und die doppelte Staatsbürgerschaft. Außerdem, meint Johann Kroll orakelhaft, "muß man doch mal drüber reden, daß wir diese Grenze überflüssig finden".

Hätten die Vertreter der deutschen Minderheit im Sitzungsraum den Satelliten Fernseher eingestellt, wäre just an diesem Abend der Bundesaußenminister auf der Mattscheibe erschienen und hätte von der "Endgültigkeit der polnischen Westgrenze" gesprochen. Aber Hans Dietrich Genscher gilt hier ohnehin als "Verräter". Er ist "der Mann, der uns verkauft hat".

Tausend Kilometer östlich von Bonn rächt sich die Lebenslüge der christdemokratischen Ostpolitik: sich selbst und anderen jahrzehntelang einzureden, Deutschland bestehe in den Grenzen von 1937 fort. Genährt von den Bonner Durchhalteparolen, hat sich besonders bei älteren Oberschlesiern die Hoffnung gehalten, sie könnten "doch nicht ewig unter den Polen" bleiben, sie müßten nicht aussiedeln, um nach Deutschland zu kommen; dort, wo sie sind, werde schon irgendwann wieder Deutschland sein.

Zum Beispiel Friedrich Schikora, der Gründer des Deutschen Freundschaftskreises in der Industriestadt Gleiwitz, ein hagerer Mann, der mit seiner gekrausten Stirn aussieht wie ein Bruder von Hans Modrow. Es ist noch gar nicht lange her, daß Schikora, in dessen Gleiwitzer Garten sich allein 34 200 Menschen für die deutsche Minderheit registrieren ließen, nach Bayern ins Studienzentrum Weikersheim gefahren ist, um sich erklären zu lassen, ob es "noch Hoffnung gibt für OberSchlesien". Dem Deutschen Freundschaftskreis konnte er hernach berichten: "Da waren lauter Hechtsgelehrte, Jura Professoren, alle eingeladen Tom Bund der Vertriebenen. Und alle haben sie gesagt, das sei klar völkerrechtswidrig, was jetzt geschehe, diese Annektion durch Polen "

Am 5. August war Schikora erneut, wiederum tuf freundliche Einladung des Bundes der Vertriebenen, in der Bundesrepublik. Diesmal im Kursaal zu Bad Cannstatt, um die vierzig Jahre alte Charta der Heimatvertriebenen" zu feiern. Als dann vorne der Bundeskanzler die polnische Westgrenze anerkannte und die VertriebenenFunktionäre hinten pfiffen, johlten und mit den ?üßen trampelten, da blieb Friedrich Schikora ganz still. Es war, sagt Schikora, "der traurigste Vloment in meinem Leben".

Eine Welt brach zusammen: "45 Jahre lang hatte man uns immer wieder gesagt: Ausharren, aushaken, nicht gehen, nicht aussiedeln, das Grundgesetz, die Rechtsansprüche, bleibt, sonst gehen die Gebiete verloren. Und jetzt sind wir es, die verloren sind. Jetzt rächt sich unsere Naivität. Und wir hatten das ja immer geglaubt, weil es Deutsche waren, die uns das versichert hatten " Für Schikora ist seither ausgemacht: Die Heimatverbliebenen in Oberschlesien sind 45 Jahre lang die Prügelknaben gewesen, die Deutschen zum Hauen, die stellvertretend für das ganze Volk wegen des Krieges büßen mußten, und nun müssen sie wieder büßen, diesmal wegen der deutschen Einheit.

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Viele im Freundschaftskreis, die nicht, wie Schiiora, den Bundeskanzler leibhaftig gesehen und die Grenzanerkennung mit eigenen Ohren gehört laben, lassen die Hoffnung auch jetzt noch nicht fahren "Die in Bonn haben uns nicht verkauft, die haben uns nur verpachtet", sagt Georg Smuda, der Scholtis von Nakel "Der Kohl will erst die Wiedervereinigung, dann holt er uns Und die endgültige Grenzanerkennung? "Welche Grenzanerkennung war schon je endgültig! Wer hätte schon vor einem Jahr gedacht, daß Leipzig heute wieder zu Deutschland gehört "

Angesichts solcher Töne bleibt der Einfluß derer, die die Grenze öffentlich anerkennen, gering. Einer der moderaten Mahner ist Dietmar Brehmer, ein agiler Mittvierziger, der zu den wenigen Intellektuellen im DFK Führungszirkel zählt. "Wir dürfen uns nicht in einer Wagenburg verschanzen", warnt Brehmer "Wenn wir als Deutsche nationalistische Politik machen, entwickelt sich hier Oberkarabach, nicht Oberschlesien " Alarmzeichen gibt es längst: antideutsche wie intipolnische Wandschmierereien, Farbbeutel und eingeworfene Fensterscheiben bei Friedrich Schikora in Gleiwitz ebenso wie im DFK Büro in Großstrehlitz. Vor zwei Wochen fand eine Mitarbeiterin vom Freundschaftskreis auf ihrer Wohnungstür ein Hakenkreuz.

Viele Polen fühlen sich, seit die deutsche Minderheit aufgetaucht ist, in ihrem Selbstverständnis bedroht. Sie müssen erst akzeptieren lernen, daß mitten in Polen Deutsche ihre Nachbarn sind und nach 45jähriger Zwangspolonisierung lautstark und national überhöht Minderheitenrechte einfordern. Es ist gerade erst vierzehn Monate her, daß die Warschauer Zeitschrift Polityka erstmals anerkannte: "Deutsche bei uns - es gibt sie". Bis zu diesem Zeitpunkt galt die regierungsamtliche Lesart: "Polen ist ein national homogener Staat Litauer, Weißrussen, Ukrainer, Armenier, Deutsche - es gab sie nicht, weil es sie nicht geben durfte. Daß seit Anfang der siebziger Jahre knapp eine Million polnischer Staatsbürger aus Schlesien ausgesiedelt waren und in der Bundesrepublik als Deutsche anerkannt wurden - die polnische Presse durfte darüber nicht berichten.

Bis heute steht in der Stadtmitte von Oppeln ein riesiges Monument, in Stein verewigte Geschichtsklitterung der alten kommunistischen Machthaber. Es ist eine vorwärtsstürmende "Mutter Polin", mit der die "Freiheitskämpfer für ein polnisches Schlesien" aus dem Jahre 1921 geehrt werden. In den Sockel ist ihre Mission gemeißelt: gegen die "Germanisierung der schlesischen Bevölkerung" und für die "Rückkehr auf die Muttererde".

Die Doktrin, die Polen hätten 1945 nur "ursprünglich polnische Gebiete" zurückgewonnen, bescherte den Oberschlesiern ihr tragisches Nachkriegsschicksal. Sie entgingen der Vertreibung nicht nur, weil Arbeitskräfte für die nahen Kohlegruben benötigt wurden, sondern weil die kommunistische Führung in Warschau die katholische Bevölkerung des Oppelner Schlesiens für "re polonisierungsfähig" hielt. Wie sich jetzt zeigt, ein verhängnisvoller Irrglaube, der auf der Annahme gründet, daß die zweisprachigen Oberschlesier Polen sind, die jahrhundertelang unterdrückt wurden.

Erst seit der polnischen Wende können sich einheimische Historiker und Journalisten daranmachen, die "weißen Flecken" in der deutsch polnischen Geschichte zu tilgen. Unter jüngeren polnischen Historikern ist inzwischen unstrittig, daß die niederschlesische Bevölkerung nicht friedlich umgesiedelt, sondern brutal vertrieben wurde. Und ein weiteres Tabu ist gebrochen, indem die katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny im Mai erstmals die Wahrheit über die Verbrechen im oberschlesischen Vertriebenen Lager Lamsdorf geschrieben hat. Den Insassen seien Genitalien abgeschnitten, Hakenkreuze in die Haut geritzt und heiße Stahlhelme auf den Kopf gesetzt worden, berichtet der Autor Jacek Ruczewski. 6000 Vertriebene sollen dort 1945 ermordet, verhungert oder an Typhus gestorben sein - ein Schock für die polnischen Zeitungsleser.

Auch unter alten Oberschlesiern haben Spurensuche und Vergangenheitsbewältigung gerade erst begonnen, mit 45jähriger erzwungener Verspätung. Mitglieder des Freundschaftskreises planen, noch im Herbst, bevor der Boden gefriert, mit dem Spaten nach Gebeinen ihrer toten Nachbarn zu suchen - dort, wo 1945 Vertriebene in Lagern lebten, an Orten, deren Namen den deutschen Oberschlesiern noch heute Angst einjagen. Sie wollen endlich die Mär aus der Welt schaffen, sie hätten sich nach dem Krieg vor den "Verifikationskommissionen" freiwillig zum Polentum bekannt "Man konnte sich natürlich auch freiwillig zur deutschen Nationalität bekennen", heißt es in einem offenen Brief des Freundschaftskreises, "aber das war gleichbedeutend mit der freiwilligen Verurteilung zum Abtransport ins Lager Dann schon lieber Pole werden.

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"Mein Vater hat doch so an der Heimat gehangen. Er hat uns immer wieder gesagt: Bitte, packt nicht die Sachen, bleibt da!" erinnert sich Ursula Schikora. In ihrem Bachweiler Geburtshaus, vor kurzem zum "Deutschen Begegnungszentrum" umgebaut, hat sie am 21. Januar 1945 den Einmarsch der Russen erlebt: Blindgänger in den Hauswänden, Detonationen, besoffene und plündernde Rotarmisten, Exekutionskommandos, denen die Familie nur mit viel Glück entging. Ein paar Wochen zuvor war aber auch eine Kolonne ausgemergelter, furchtbar zugerichteter Gestalten vor dem Haus entlanggetrieben worden der Zug der Auschwitz Häftlinge auf dem Marsch nach Westen "Ursel, mach Brote", schrie die Mutter entsetzt, und Ursel warf so lange Brote aus dem Fenster, bis unten "der Gewehrkolben von so einem schwarzen Teufel" an die Haustür donnerte.

Auschwitz und die anderen Verbrechen der Deutschen sollten Ursula Schikora fortan verfolgen "Alle paar Tage haben wir diese Leichenberge im polnischen Fernsehen gesehen, immer wieder, das wollte nie aufhören. Jeder Deutsche ein Verbrecher, jeder ein kleiner Hitler Irgendwie muß sie im Laufe der Jahre beinahe resistent geworden sein gegen das, was ihr an deutschen Greueltaten von der Mattscheibe entgegenschlug. Die große, kollektive Schuld der Deutschen, die wollte Ursula Schikora nie annehmen, zumal da die Anklage auf polnisch, der Sprache der Besatzer, daherkam und immer verwoben war mit kommunistischer Propaganda. Nein, das Deutschland, das ihr die neue Regierung präsentierte, war nicht das Land, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte.

Tausendfacher Mord in der Ferne verblaßt, wo Unrecht vor der Haustür geschieht: die Horden, die Friedhöfe schändeten und jedes deutsche Wort, sogar "Ruhe in Frieden", ausmeißelten; die Beamten, die in die Häuser kamen und verlangten, alle deutschen Bücher zu verbrennen; die Lauschangriffe der Geheimpolizisten, die überprüften, ob mit den Kindern zu Hause auch ja polnisch gesprochen wurde; die Liquidierung deutscher Schulen, Bibliotheken, Vereine; die ewige Benachteiligung am Arbeitsplatz; die erzwungenen Namensänderungen, das angsteinflößende VertriebenenLager.

Das alles hat in Ursula Schikora nur die Sehnsucht verstärkt, "deutsch sein" und darauf "stolz sein" zu dürfen. Und nun gibt es sie plötzlich wieder: die deutsche Blasmusikkapelle und den deutschen Frauenchor in Rodenau; die schlesische Trachtengruppe in Gogolin, die deutsche Kneipe in Himmelwitz.

Es trifft sie hart, wenn den deutschen Oberschlesiern jetzt prompt "Wehrmachtsdeutschtum" vorgeworfen wird, wie das Dorota Simonides, die Oppelner Solidarnosc Senatorin, tut. Oder wenn Journalisten, egal ob deutsche oder polnische, nur herkommen, um über "Ewiggestrige" und "Revanchisten" zu berichten, und dabei übersehen, daß es hier keine amerikanische Durchlüftung, keine re education und keine vierzig Jahre währende Demokratie gegeben hat "Das sind alles Journalisten der verbrannten Erde", klagt Ursula Schikora "Die können hier kein zweites Mal herkommen "

Immerhin waren sie einmal da, was sich von bundesdeutschen Politikern nicht behaupten läßt. Den Vertretern der deutschen Minderheit kommt es vor, als habe rund um Schlesien "eine Berliner Mauer gestanden". Während der vergangenen 45 Jahre kam bloß ein einziger Bundesminister nach Schlesien: Norbert Blüm, der weltläufige Menschenrechtskämpfer - und das auch erst im vergangenen Jahr. Nur am Widerwillen der kommunistischen Gastgeber kann es nicht gelegen haben, eher schon an einer Kombination aus Unwissenheit und Angst vor Mißverständnissen, inbesondere bei Sozialdemokraten. Schlesien, ein Rechtsaußen Thema.

Das verstehen freilich nicht einmal polnische Politiker "Warum kommt die SPD eigentlich immer nur bis Warschau?" wollte Dorota Simonides, selbst polnische Oberschlesierin, kürzlich von Reinhard Klimmt, Oskar Lafontaines Wahlkampfmanager, wissen.

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"Als ich in Polen war, konnte ich ja nicht fragen: Zeigt mir doch bitte mal die Deutschen hier. Ich wollte die deutsch polnischen Beziehungen in Ordnung bringen, das ist schon schwierig genug", wand sich Klimmt, ohne bemerkt zu haben, daß die Neuauflage des alten Oberschlesien Konflikts jetzt zur Nagelprobe für die deutsch polnischen Beziehungen werden könnte.

Konterte Simonides: "So treiben Sie die Minderheit in die Arme der Vertriebenen Verbände. Das ist doch gefährlich "

Die Warnung kommt zu spät. Die Landsmannschaft Schlesien und der Bund der Vertriebenen (BdV) halten die deutsche Minderheit längst in ihrer fürsorglichen Umarmung gefangen. Die Wiedervereinigung von Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen ist schon vollzogen. Polnische Zeitungen schreiben von der deutschen Minderheit angstvoll als "fünfte Kolonne der Vertriebenen Verbände".

Die Vorhut bildete, schon Anfang der achtziger Jahre, die Wild Ost Truppe der Verbände, eine Gruppe mit dem klingenden Namen "Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland (AGMO) in der Schlesischen Jugend". Ein Häuflein junger, beinharter Grenzkämpfer, das ausgezogen war, hinter den feindlichen Linien die Unterdrückungsmethoden aufzudecken. Kaum waren die Kommunisten verjagt, eröffnete die AGMO im oberschlesischen Großstrehlitz ein "Koordinierungsbüro". Vom Kopierer bis zu den Briefvordrucken ausgestattet aus Bonn, führt dort nun der Malermeister Erich Kaluza die Geschäfte, hinter seinem Schreibtisch das Plakat: "Die Stadt Großstrehlitz grüßt den Bundeskanzler". Ein Relikt des Kohl Besuchs im niederschlesischen Kreisau im vergangenen November.

Seit auch die Dachorganisation, der BdV, die alte Heimat wiederentdeckt hat, läuft alles generalstabsmäßig. Stützpunkte des Deutschen Freundschaftskreises werden inzwischen, gemäß Ausstattungsliste, aus dem Bonner Hauptquartier bestückt, Deutschland Flagge inbegriffen. Allein die erste Rate betrug 70 000 Mark. Mitarbeiter des Freundschaftskreises berichten, langsam laufe auch die monatliche Unterstützung der Ortsgruppen an, gezahlt wird in harter Mark. Die Landsmannschaft Schlesien organisiert derzeit ein flächendekkendes Netz "landsmannschaftlicher Patenschaften" - "Partnerschaften" wäre ja auch zuviel gesagt - für die Freunde im Osten. Und weil das alles teuer ist, bettelt der hochsubventionierte Bund der Vertriebenen um neue Steuermittel. Noch im Oktober wollen die organisierten Vertriebenen den ersten Außenposten im Osten eröffnen, ein Büro für Wirtschaftsförderung in Großstrehlitz. Der designierte Büroleiter, der Bonner Vertriebenen Funktionär Horst Egon Rehnert, weiß, wie westdeutsche Unternehmer zu ködern sind: "Stundenlöhne von einer Mark fünfzig bis zwei Mark, keine Umweltschutzauflagen, keine Standortprobleme, gut ausgebildete Industriearbeiter, und: Man spricht deutsch! Warum also noch in der DDR investieren? Oberschlesien ist doch ideal Rehnert versichert, die Deutschland 37erKarte über seinem Schreibtisch, in Oberschlesien "selbstverständlich keine separatistische, nationalistische Wirtschaftspolitik" machen zu wollen. Seit Monaten schon wird die deutsche Minderheit auf den landsmannschaftlichen Aufbruch nach Osten eingestimmt, allemal seit die D Mark an Oder und Neiße steht. Alle zwei Wochen überquert in Görlitz ein Kleinlaster die Neiße und bringt - von den polnischen Behörden nicht erlautt, aber auch nicht mehr zu verhindern - reichlich Gedrucktes: die Schlesischen Nachrichten, im Untertitel Zeitung für Schlesien, das Zentralorgan der Landsmannschaft Schlesien. Es ist ein "Stück Glasnost für Schlesien", wie Alfred Theisen findet. Der 31jährige Chefredakteur, gebürtig in der Eifel bei Maria Laach, kann "das Schicksal von Venreibung und Unterdrückung ziemlich gut nachfühlen" und will nun "in Schlesien zur demokratischen Willensbildung beitragen".

Ssin Blatt ist die einzige deutschsprachige Publikation, die überall zu kaufen ist: in allen Büros des Freundschaftskreises, in allen Begegnungszentren, sogar im Souvenirladen am Annaberg liegt sie im Schaufenster zwischen hölzernen Marienfiguren und plastenen Gartenzwergen "Die Schlesiist die Bibel der deutschen Minderheit. Ihre Dreiheiligkeit, das sind die Vertriebenen Funktionäre Hupka, Czaja und Koschyk 10 000 Exemplare werden 100 OOOfach gelesen, denn nach 45 Jahren Propaganda in der Oktroi Sprache Polnisch wirkt die Magie des deutschen Wortes. Was in den tere Wahrheit sein.

Die Wahrheit kommt aus Königswinter Heisterbacherrott - aus der Welt, wie sie die Landsmannschaft Schlesien von ihrer Zentrale aus sieht. Die ausgehungerten oberschlesischen Leser erfahren, daß zur Zeit die Vereinigung von "Westdeutschland" und "Mitteldeutschland" vollzogen wird und ein "Fragment des deutschen Vaterlandes" entsteht; daß die Bundesregierung ein "Grenzdiktat" hinnehmen muß (was ja, wie jedes Diktat, völkerrechtswidrig wäre); daß die Leser nicht in der "Republik Polen" leben, sondern im "polnischen Machtbereich" (der könnte sich schließlich ändern); daß sie nicht die "deutsche Minderheit" sind, sondern die "deutsche Volksgruppe" ("Minderheit" setzt eine "Mehrheit" voraus und beinhaltet, daß man in einem fremden Land lebt. Dabei handele es sich doch um "Ostdeutschland"); daß der Bund der Vertriebenen nun eine "freie Abstimmung über die Zukunft der Gebiete östlich von Oder und Neiße" anstrebt. Die Betroffenen sollen wählen, ob sie "zu Deutschland, zu Polen beziehungsweise zur Sowjetunion oder zu einem neuen europäischen Territorium gehören" möchten.

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Chefredakteur Theisen sagt, er wolle den Menschen in Oberschlesien "in ihrer schwierigen Lage ein wenig Hoffnung machen". Das gelingt ihm vorzüglich Überall geistert nun das magische Wort "Europa" durch die Begegnungszentren des Freundschaftschaftskreises, nebulös ist "von grenzenlosen Zuständen" die Rede. Seit der große Paneuropäer Otto von Habsburg mit der Creme des Vertriebenen Verbandes im Sommer Schlesien bereist und die Vision vom "neuen Südtirol Mitteleuropas" gestreut hat, gilt "Autonomie" als Ziel (oder Übergangslösung). Verschwiegen wird in den Schlesischen Nachrichten freilich, daß der BdV die Aktion "Frieden durch freie Abstimmung" vor allem angeleiert hat, um seiner Uralt Klientel in der Bundesrepublik die Peinlichkeit öffentlicher Kundgebungen zu ersparen "Ja, sollten wir denn in Berlin 70jährige gegen die Grenzanerkennung protestieren und sie von irgendwelchen Schwarzvermummten zusammenknüppeln lassen", fragt der BdV Funktionär Hans Egon Rehnert. Daß ein Referendum über die Zukunft Schlesiens ein völlig irreales Vorhaben ist, wissen die, die es in Bonn ersonnen haben, nicht aber die, denen es in Oberschlesien als Rettungsanker hingeworfen wird. Seit die Vertriebenen Funktionäre im demokratischen Polen nicht mehr als Staatsfeinde gelten, hat eine rege Reisediplomatie von West nach Ost eingesetzt. Besonders der jungdynamische BdVGeneralsekretär Hartmut Koschyk erweckt den Eindruck, er müsse in einem Wahlkreis in Oberschlesien um sein Mandat kämpfen, statt über die bayerische CSU Landesliste in den nächsten Bundestag einzuziehen. Seine Auftritte vor der deutschen Minderheit inszeniert er sorgfältig. Dann hängt schon mal, wie im Juli im Eichendorff Geburtsort Lubowitz, ein großes, fünf Meter langes Transparent hinter ihm ("Wir grüßen unseren Hartmut Koschyk"). Und weil die Leute deutsche Volkslieder so gerne hören, bringt er Gerd Knesel mit, einen bärtigen Barden aus Geesthacht, gegen den Heino wie ein Linksradikaler erscheint. Der singt dann vom schönen "Oh ho ho ber schlesierland, Glück auf, Glück auf", und die vielen tausend Zuhörer, meist alte Menschen, sind tief gerührt, einigen treten die Tränen in die Augen. Was Koschyk noch sagt, ist ziemlich egal, es kommt auf jeden Fall an.

Auch beim DFK Führungszirkel "Der Koschyk, das ist ein Mann, der weiß, was er will", lobt Johann Kroll, der DFK Altvordere aus Gogolin "Das ist einer von uns, der fühlt einfach schlesisch Koschyks fränkischer Dialekt, ganz Forchheimer Junge, stört nicht weiter. Wesentlich ist, daß seine Eltern aus Oberschlesien stammen, "und das merkt man eben, daß seine Wurzeln hier liegen, so wie der sich um uns kümmert".

Wer so beliebt ist, kann schon mal sanften Druck ausüben. Als der Freundschaftskreis kürzlieh viele zehntausend Mitgliedsausweise drucken ließ, stand das garstige Wort von der "deutschen Minderheit" darin. Koschyk reagierte prompt. Er ließ in der Bundesrepublik neu drucken. Jetzt ist der Ausweis schön grün mit schwarz und rot und gold, und von "Minderheit" ist auch nicht mehr die Rede.

Wo immer Koschyk auftritt, bringt er den Gedanken eines "Runden Tisches für Schlesien" unters Volk. Als "Franco Silesier" will er natürlich daran Platz nehmen dürfen. Für die politische Klasse in Warschau eine Horrorvision. Schlesische Regionalpolitiker sehen einem Eintritt der Vertriebenen Verbände in die polnische Politik freilich unbefangener entgegen.

"Was regen die Warschauer sich auf?" fragt Jerzy Wuttke, der Kattowitz im Sejm vertritt und dort dem neuen Minderheiten Ausschuß vorsitzt "Die können uns in regionalen Angelegenheiten doch kaum noch reinreden, wenn Polen sich in Zukunft föderalisiert Wuttke, trotz deutschen Namens ein polnischer Oberschlesier, hält die bundesdeutschen Vertriebenen Verbände zwar ebenfalls für hoffnungslos ewiggestrig, aber: "Wir dürfen einfach nicht länger ignorieren, daß es Schlesier gibt, die nicht in Schlesien wohnen, weil sie rausgedrängt wurden. Und die müssen mitreden dürfen Nur mit Hilfe der im Westen oft reich gewordenen Exil Schlesier könne man Oberschlesien wieder zu dem machen, was es einmal war - die Brücke zwischen Ost und West.

Gelingt es BdV Generalsekretär Hartmut Koschyk dank des Schulterschlusses mit dem Deutschen Freundschaftskreis, in Polen lokal und regional mit am Tisch zu sitzen, wäre das der größte politische Erfolg der Vertriebenen Verbände, seit Herbert Czaja 1973 das fatale Verfassungsgerichtsurteil zum fiktiven Fortbestand der deutschen Grenzen von 1937 erzwang. Ein Comeback just in dem Moment, da in der Bundesrepublik auf die Verbände niemand mehr einen Pfifferling geben mag - gerade wegen ihrer wie Altersstarrsinn wirkenden Haltung zur deutschen Ostgrenze.

Wenn schon mit der Grenze nichts zu machen ist, wollen die Vertriebenen Verbände jetzt zeigen, daß in den "104 000 Quadratkilometer verschenkten Deutschlands", zumindest aber in Oberschlesien, nicht nur Deutschstämmige, sondern lauter deutsche Staatsbürger wohnen. Angeheizt durch die Vertriebenen Gazetten, hat in Oberschlesien ein Run auf die grünen Bundespässe eingesetzt. Alle paar Wochen hält samstags der Bonner Anwalt Robert Stuhr im Rathaus der Kleinstadt Gogolin Sprechstunde. Wo bis vor drei Monaten der örtliche Parteisekretär residierte, hat jetzt der Deutsche Freundschaftskreis sein Büro, standesgemäß mit Flagge des "Bundeslandes Schlesien", schwarzrotgold mit schlesischem Adler. Stuhr erklärt nicht mehr nur, wie man als Aussiedler rauskommt aus Polen, sondern neuerdings, wie man Deutscher wird und trotzdem bleibt.

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Denn solange es Artikel 116 des Grundgesetzes gibt, ist Deutscher, wer "die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in den Gebieten des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat". Wer neben seinem polnischen einen deutschen Ausweis beantragte, mußte bisher mit Repressalien rechnen. Im gewendeten Polen ist das vorbei, und im Rathaus von Gogolin stehen sie Schlange.

"Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert, wenn erst mal 150 000 oder 200 000 Menschen mit deutschen Papieren hier leben", orakelt Robert Stuhr, ein Spezialist für Staatsbürgerschaftsrecht, der mit den Vertriebenen Verbänden nicht liiert ist "Da kommt ein Riesenproblem auf die Bundesregierung zu, auch wegen des Völkerrechts " Schon heute rattern jedes Wochenende viele tausend bundesdeutsche Autos über die Trennfugen von Adolfs alter Autobahn in Richtung Gleiwitz junge Aussiedler, es gibt immerhin gut 500 000 allein seit 1988, auf Heimatbesuch. Falls jetzt noch ihre Eltern deutsche Pässe erhalten, könnte Oberschlesien ungewollt und schleichend binational werden.

Die Vorkämpfer der Freundschaftskreise halten das grüne Papier mit dem Bundesadler schon in Händen und möchten im Dezember an der Bundestagswahl teilnehmen. Die meisten Deutschen in Oberschlesien sind freilich noch damit beschäftigt, die Formulare des Kölner Bundesverwaltungsamtes auszufüllen.

"Wann haben Sie Deutschland verlassen?" steht irgendwo im Vordruck.

"Nie!" schreiben viele und denken sich im stillen: "Deutschland hat mich verlassen