"Wir müssen verlangen, daß die Kinder vom ersten Jahr an Deutsch lernen. Aus jeder Familie wohnt doch jemand in Deutschland. Wenn die Kinder zu Besuch fahren und nur polnisch reden, da denken die in Deutschland doch, wir wären Polen "

"Manchmal fragt man sich, ob die in Bonn noch alle Tassen im Schrank haben. Da schicken sie dieses Schuljahr siebzehn Deutschlehrer, aber hauptsächlich hinten nach Polen und nicht nach Schlesien, wo wir sie herbeisehnen "

"Wir brauchen im Kreis Oppeln eine komplett deutsche Schule, für den Anfang. Aber das lassen die Polen bestimmt nicht zu "

"Das ist eine angeborene Krankheit, dieser Chauvinismus, dieser Haß der Polen Alle nicken. "Tja, Kinder", sagt der Scholtis, zum Schluß doch noch versöhnlich, "kauft Kämme, es kommen lausige Zeiten "

Auf dem Heimweg passieren die DFK Vorstandler die verlassenen, heruntergekommenen Hauser jener Familien, die ausgesiedelt sind, do vadie Häuser der Daheimgebliebenen, jedes ein kleines deutsches Reich: weiße Tünche und Gartenzaune, Rabatten und Geranienkübel, gelegentlich Gartenzwerge und hölzerne Wagenräder, Rasenflachen, wie mit dem Lineal gepflegt - der einzige Ausdruck deutscher Lebensart, der während der vergangenen 45 Jahre straffrei blieb. Ordnung und Pedanterie als stille Opposition gegen das, was sie als "Polenwirtschaft" verachten. Seit dem Ende der Repression, seit der polnischen Wende vom vergangenen Sommer, ist auf den Dachern ein Wald von Satellitenantennen gewachsen - wenn schon nicht, wie es wohl die meisten in Nakel wünschen, heim ins Reich, dann wenigstens das Reich ins Heim. Tagesschau und Werbeblock, die allabendliche Emigration.

Nakel ist wie Raschau, Raschau wie Probsfelde, Probsfelde wie Strahlheim und Muldenau, wie Reichenhöh und Quellengrund - Namen, die nicht am Ortseingang und nicht in der Straßenkarte stehen, Namen, die kaum ein Pole kennt. Und doch haben, seit die Kommunisten verjagt sind, fast alle Menschen in diesen Dörfern erklärt, sie seien Deutsche oder deutschstämmig. In der Region Oppeln, vermutet der DFK, gehöre ein Viertel der Bevölkerung zur deutschen Minderheit, in ganz Schlesien rund 800 000 Menschen. Niemand weiß, ob diese Schätzungen zu hoch gegriffen sind. Seit am 3. Januar 1990 der erste Freundschaftskreis in Kattowitz zugelassen wurde, entstehen überall in Oberschlesien, vereinzelt auch in Niederschlesien, Pommern, Danzig und Ostpreußen Ortsgruppen des Freundschaftskreises, bisher rund 400. Binnen acht Wochen trugen sich, nachdem Tadeusz Mazowiecki die Regierung übernommen hatte, mehr als 300 000 Menschen in die "Liste der deutschstämmigen Bevölkerung" ein, "wissentlich und ohne Zwang", wie es im Briefkopf hieß. Danach wurden die Listen aus dem Verkehr gezogen. Denn daß die deutsche Minderheit in Polen nicht nur "eine Erfindung von Revanchisten" ist, wie es polnische Zeitungen behauptet hatten, schien nun bewiesen. Die Presse konterte mit der Behauptung, die meisten derer, die sich registrieren ließen, seien "Volkswagen Deutsche". Menschen, die lieber reich und deutsch als arm und polnisch sein wollten.

Seit der Kommunalwahl ist auch diese Argumentation zusammengebrochen. Denn welche wirtschaftlichen Vorteile sollten die Wähler erwartet haben, als sie in Oberschlesien rund zwei Dutzend deutschstämmige Bürgermeister wählten und der Minderheit in diversen Gemeindeparlamenten die Mehrheit bescherten? Für Johann Kroll, den alten, schon leicht buckeligen Gründervater der Freundschaftskreise - inzwischen nennen sie ihn "den Lech Walesa von Oberschlesien" , ist das der Durchbruch: "Jetzt muß jeder endlich einsehen: Es gibt uns, wir sind hier, wir waren immer hier, wir bleiben hier, und die können nicht weiter Politik über unsere Köpfe hinweg machen " Eine unbequeme Botschaft für die Regierenden in Bonn und Warschau: Just in dem Moment, da Helmut Kohl den quälenden Prozeß der Grenzanerkennung hinter sich wähnt und das Zeitalter der guten Nachbarschaft einläuten will, droht eine Revolte rüstiger Rentner: Menschen, die bei Kriegsende nicht flohen, die nicht gewaltsam vertrieben wurden, die sich nicht polonisieren ließen und auch nicht aussiedelten, klagen mit nationalem Pathos Rechte ein. Der uralte Nationalitätenstreit in Oberschlesien bricht mit der Demokratisierung in Polen wieder auf. Er trifft die Regierungen beider Länder unvorbereitet. Noch in der "Gemeinsamen Erklärung" von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, gerade elf Monate alt, wird die deutsche Minderheit wie ein Stiefkind behandelt. Man nennt sie nicht einmal beim Namen. Offene Ohren findet sie nur bei den totgesagten Vertriebenen Verbänden, die sich m Oberschlesien ein neues Einzugsgebiet erschließen.