In dem Dörfchen Zawada, ehemals Bachweiler, nordwestlich von Gleiwitz gelegen, hat der Freundschaftskreis ein Haus zum "Deutschen Begegnungszentrum" ausgebaut, in dem Stil, den die 15 000 Gleiwitzer DFK Mitglieder schätzen: an den Wänden schwarzrotgoldener Stoff, aufrüttelnde Texte mit reichlich "Heimat", "Vaterland", "Schlesien", "Deutschland", eine Landkarte Deutschland in den Grenzen von 1937 , handsigniert von Herbert Hupka, dem schlohweißen Erzengel der Schlesien Vertriebenen. Auf dem Dach die obligatorische Satellitenschüssel, polnische Programme sind gar nicht erst einstellbar. Neben dem Fernseher das Videogerät, damit "auch die Jugend an das Deutsche gebunden wird". Das Haus ist ständig überfüllt.

Als sich die DFK Vorstände aus ganz Polen Mitte September hier treffen, steht Brisantes auf der Tagesordnung: Die Basisgruppen, gerade ein halbes Jahr alt, wollen eine politische Führung wählen. Ein "Rat der Deutschen", ein "Allunionsrat", soll im November, "wenn der Kanzler nach der Vereinigung den Kopf wieder frei hat", nach Bonn fahren. Erst danach steht die Reise "nach Polen", wie das in dieser Runde heißt, auf dem Programm. Man will Einfluß nehmen auf den Sejm, dessen Minderheitenschutzgesetz, seit langem angekündigt, noch aussteht. Für den neuen deutsch polnischen Vertrag, den Helmut Kohl sofort nach der deutschen Vereinigung aushandeln will, liegt der Forderungskatalog der Minderheit schon auf dem Tisch. Sprengstoff für die Regierenden: Deutschunterricht an allen Schulen in Oberschlesien, deutsche Schulen, Kulturzentren, Bibliotheken, Kindergärten, bundesdeutsche Schulbücher und Deutschlehrer, regionale Wirtschaftförderung für Schlesien, Autonomierechte und die doppelte Staatsbürgerschaft. Außerdem, meint Johann Kroll orakelhaft, "muß man doch mal drüber reden, daß wir diese Grenze überflüssig finden".

Hätten die Vertreter der deutschen Minderheit im Sitzungsraum den Satelliten Fernseher eingestellt, wäre just an diesem Abend der Bundesaußenminister auf der Mattscheibe erschienen und hätte von der "Endgültigkeit der polnischen Westgrenze" gesprochen. Aber Hans Dietrich Genscher gilt hier ohnehin als "Verräter". Er ist "der Mann, der uns verkauft hat".

Tausend Kilometer östlich von Bonn rächt sich die Lebenslüge der christdemokratischen Ostpolitik: sich selbst und anderen jahrzehntelang einzureden, Deutschland bestehe in den Grenzen von 1937 fort. Genährt von den Bonner Durchhalteparolen, hat sich besonders bei älteren Oberschlesiern die Hoffnung gehalten, sie könnten "doch nicht ewig unter den Polen" bleiben, sie müßten nicht aussiedeln, um nach Deutschland zu kommen; dort, wo sie sind, werde schon irgendwann wieder Deutschland sein.

Zum Beispiel Friedrich Schikora, der Gründer des Deutschen Freundschaftskreises in der Industriestadt Gleiwitz, ein hagerer Mann, der mit seiner gekrausten Stirn aussieht wie ein Bruder von Hans Modrow. Es ist noch gar nicht lange her, daß Schikora, in dessen Gleiwitzer Garten sich allein 34 200 Menschen für die deutsche Minderheit registrieren ließen, nach Bayern ins Studienzentrum Weikersheim gefahren ist, um sich erklären zu lassen, ob es "noch Hoffnung gibt für OberSchlesien". Dem Deutschen Freundschaftskreis konnte er hernach berichten: "Da waren lauter Hechtsgelehrte, Jura Professoren, alle eingeladen Tom Bund der Vertriebenen. Und alle haben sie gesagt, das sei klar völkerrechtswidrig, was jetzt geschehe, diese Annektion durch Polen "

Am 5. August war Schikora erneut, wiederum tuf freundliche Einladung des Bundes der Vertriebenen, in der Bundesrepublik. Diesmal im Kursaal zu Bad Cannstatt, um die vierzig Jahre alte Charta der Heimatvertriebenen" zu feiern. Als dann vorne der Bundeskanzler die polnische Westgrenze anerkannte und die VertriebenenFunktionäre hinten pfiffen, johlten und mit den ?üßen trampelten, da blieb Friedrich Schikora ganz still. Es war, sagt Schikora, "der traurigste Vloment in meinem Leben".

Eine Welt brach zusammen: "45 Jahre lang hatte man uns immer wieder gesagt: Ausharren, aushaken, nicht gehen, nicht aussiedeln, das Grundgesetz, die Rechtsansprüche, bleibt, sonst gehen die Gebiete verloren. Und jetzt sind wir es, die verloren sind. Jetzt rächt sich unsere Naivität. Und wir hatten das ja immer geglaubt, weil es Deutsche waren, die uns das versichert hatten " Für Schikora ist seither ausgemacht: Die Heimatverbliebenen in Oberschlesien sind 45 Jahre lang die Prügelknaben gewesen, die Deutschen zum Hauen, die stellvertretend für das ganze Volk wegen des Krieges büßen mußten, und nun müssen sie wieder büßen, diesmal wegen der deutschen Einheit.