Viele im Freundschaftskreis, die nicht, wie Schiiora, den Bundeskanzler leibhaftig gesehen und die Grenzanerkennung mit eigenen Ohren gehört laben, lassen die Hoffnung auch jetzt noch nicht fahren "Die in Bonn haben uns nicht verkauft, die haben uns nur verpachtet", sagt Georg Smuda, der Scholtis von Nakel "Der Kohl will erst die Wiedervereinigung, dann holt er uns Und die endgültige Grenzanerkennung? "Welche Grenzanerkennung war schon je endgültig! Wer hätte schon vor einem Jahr gedacht, daß Leipzig heute wieder zu Deutschland gehört "

Angesichts solcher Töne bleibt der Einfluß derer, die die Grenze öffentlich anerkennen, gering. Einer der moderaten Mahner ist Dietmar Brehmer, ein agiler Mittvierziger, der zu den wenigen Intellektuellen im DFK Führungszirkel zählt. "Wir dürfen uns nicht in einer Wagenburg verschanzen", warnt Brehmer "Wenn wir als Deutsche nationalistische Politik machen, entwickelt sich hier Oberkarabach, nicht Oberschlesien " Alarmzeichen gibt es längst: antideutsche wie intipolnische Wandschmierereien, Farbbeutel und eingeworfene Fensterscheiben bei Friedrich Schikora in Gleiwitz ebenso wie im DFK Büro in Großstrehlitz. Vor zwei Wochen fand eine Mitarbeiterin vom Freundschaftskreis auf ihrer Wohnungstür ein Hakenkreuz.

Viele Polen fühlen sich, seit die deutsche Minderheit aufgetaucht ist, in ihrem Selbstverständnis bedroht. Sie müssen erst akzeptieren lernen, daß mitten in Polen Deutsche ihre Nachbarn sind und nach 45jähriger Zwangspolonisierung lautstark und national überhöht Minderheitenrechte einfordern. Es ist gerade erst vierzehn Monate her, daß die Warschauer Zeitschrift Polityka erstmals anerkannte: "Deutsche bei uns - es gibt sie". Bis zu diesem Zeitpunkt galt die regierungsamtliche Lesart: "Polen ist ein national homogener Staat Litauer, Weißrussen, Ukrainer, Armenier, Deutsche - es gab sie nicht, weil es sie nicht geben durfte. Daß seit Anfang der siebziger Jahre knapp eine Million polnischer Staatsbürger aus Schlesien ausgesiedelt waren und in der Bundesrepublik als Deutsche anerkannt wurden - die polnische Presse durfte darüber nicht berichten.

Bis heute steht in der Stadtmitte von Oppeln ein riesiges Monument, in Stein verewigte Geschichtsklitterung der alten kommunistischen Machthaber. Es ist eine vorwärtsstürmende "Mutter Polin", mit der die "Freiheitskämpfer für ein polnisches Schlesien" aus dem Jahre 1921 geehrt werden. In den Sockel ist ihre Mission gemeißelt: gegen die "Germanisierung der schlesischen Bevölkerung" und für die "Rückkehr auf die Muttererde".

Die Doktrin, die Polen hätten 1945 nur "ursprünglich polnische Gebiete" zurückgewonnen, bescherte den Oberschlesiern ihr tragisches Nachkriegsschicksal. Sie entgingen der Vertreibung nicht nur, weil Arbeitskräfte für die nahen Kohlegruben benötigt wurden, sondern weil die kommunistische Führung in Warschau die katholische Bevölkerung des Oppelner Schlesiens für "re polonisierungsfähig" hielt. Wie sich jetzt zeigt, ein verhängnisvoller Irrglaube, der auf der Annahme gründet, daß die zweisprachigen Oberschlesier Polen sind, die jahrhundertelang unterdrückt wurden.

Erst seit der polnischen Wende können sich einheimische Historiker und Journalisten daranmachen, die "weißen Flecken" in der deutsch polnischen Geschichte zu tilgen. Unter jüngeren polnischen Historikern ist inzwischen unstrittig, daß die niederschlesische Bevölkerung nicht friedlich umgesiedelt, sondern brutal vertrieben wurde. Und ein weiteres Tabu ist gebrochen, indem die katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny im Mai erstmals die Wahrheit über die Verbrechen im oberschlesischen Vertriebenen Lager Lamsdorf geschrieben hat. Den Insassen seien Genitalien abgeschnitten, Hakenkreuze in die Haut geritzt und heiße Stahlhelme auf den Kopf gesetzt worden, berichtet der Autor Jacek Ruczewski. 6000 Vertriebene sollen dort 1945 ermordet, verhungert oder an Typhus gestorben sein - ein Schock für die polnischen Zeitungsleser.

Auch unter alten Oberschlesiern haben Spurensuche und Vergangenheitsbewältigung gerade erst begonnen, mit 45jähriger erzwungener Verspätung. Mitglieder des Freundschaftskreises planen, noch im Herbst, bevor der Boden gefriert, mit dem Spaten nach Gebeinen ihrer toten Nachbarn zu suchen - dort, wo 1945 Vertriebene in Lagern lebten, an Orten, deren Namen den deutschen Oberschlesiern noch heute Angst einjagen. Sie wollen endlich die Mär aus der Welt schaffen, sie hätten sich nach dem Krieg vor den "Verifikationskommissionen" freiwillig zum Polentum bekannt "Man konnte sich natürlich auch freiwillig zur deutschen Nationalität bekennen", heißt es in einem offenen Brief des Freundschaftskreises, "aber das war gleichbedeutend mit der freiwilligen Verurteilung zum Abtransport ins Lager Dann schon lieber Pole werden.