Der Mann heißt Bö Weinberg. Seine Füße stecken in einem gefüllten Waschzuber. Ein Fußbad, das sein Leben verändern wird. Angerichtet haben es ihm die Angestellten seines Chefs, eingeladen wurde er von diesem persönlich. Nicht einmal die satinschimmernden Beine seiner Smokinghose muß er selber aufkrempeln, bevor er barfüßig in den flüssigen Zement steigt, draußen, in der Kajüte des Schleppers, der weit genug aufs Meer hinausfährt, damit einer mit einem Zementblock an den Füßen sehr tief sinken kann. Beobachter der Szene ist Billy Bathgate, fünfzehn Jahre alt; Erzähler ist derselbe Billy, etliche Jahre später. E L. Doctorow hat diesen Billy zum Titelhelden seines neuen Romans gemacht, in dem er das "Zeitalter von Dutch Schultz" vergegenwärtigt. Da nicht zu befürchten steht, daß der Kerl uns persönlich Bescheid gibt, brauchen wir unser Erstaunen über dieses Zeitalter nicht zu verhehlen. Wer war Dutch Schultz?

Dutch Schultz, eigentlich Arthur Flegenheimer, sah die Voraussetzungen für seine Karriere geschaffen, als 1920 der 18. Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten bewirkte, daß Verbrecher künftig mit Alkohol glänzende Geschäfte machen konnten. In New York wurde er zum Boß einer der zahlreichen Alkoholschmugglerbanden, die vorwiegend von Immigranten gebildet wurden, von Iren, Juden, Polen, Deutschen, Italienern tmd anderen Nationalitäten. Ab 1931 gewannen Italiener und Sizilianer im Prohibitionsgeschäft die Oberhand, indem sie durch Zusammenarbeit und Korporationsbildung die Profitrate steigerten und die Schießereien reduzierten. Als 1933 Alkohol wieder legalisiert wurde, mußten neue Betätigungsfelder erschlossen werden - besonders Glücksspiel und Schutzgelderpressung , und der Monopolisierungsdruck verstärkte sich. Zu diesem Zeitpunkt war Dutch Schultz einer der letzten Prohibitionsgangster, die versuchten, sich gegen die Zentralisierungsbestrebungen der Italiener zu behaupten.

Die ganze Härte und Hysterie dieses Selbstbehauptungswillens war das Letzte, was Bö Weinberg zu spüren bekam, nur weil er sich verdächtig gemacht hatte, den "Spaghettis" gegenüber Verhandlungsbereitschaft zu zeigen. Historiker des Gangstertums sehen in Dutch Schultz ein Musterbeispiel für die - oft nicht nur mit dem Schießeisen, sondern auch psychopathischen Zügen bewaffneten - knallharten Typen, die toughs, die prügelnden hoodlums, die gorillas, von denen die Branche anfangs beherrscht wurde. J. Richard Davis, der als Anwalt und Korruptionsagent für Dutch Schultz tätig war, überlieferte davon später in seinem Bericht "Things I Couldnt Teil Till Now" - offenbar eine von Doctorows zahlreichen historischen Quellen - eine beeindruckende Szene. Er wurde Zeuge, wie sein Mandant mit Jules Martin, dem Sachbearbeiter für Schutzgelderpressung, über die Verteilung der Gewinne in Streit geriet. "Dutch Schultz war gräßlich; er hatte getrunken, und plötzlich holte er seine Pistole raus. Der Dutchman trug seine Pistole unter der Weste im Hosenbund, direkt auf dem Bauch. Ein Griff unter die Weste und er hielt sie in der Hand. In derselben Bewegung schwang er sie hoch, steckte sie in Jules Martins Mund und drückte ab. Es war ganz einfach und undramatisch - nur eine schnelle Bewegung der Hand. Der Dutchman erledigte diesen Mord so beiläufig, als würde er sich einen Zahnstocher zwischen die Zähne schieben " Danach, so beschreibt es Doctorow, beklagt sich "Dixie" Davis darüber, daß sein Boß ihn, "einen bei Gericht zugelassenen Anwalt", einer solchen Sache ausgesetzt habe, noch dazu in der Suite eines Kleinstadthotels, wo man sich für einen bevorstehenden Prozeß wappnet. Unterdessen sorgt Irving, der präzise Praktiker, für die Beseitigung der Leiche, Abbadabba Berman, der Buchhalter und Rechenkünstler der Gang, dirigiert die Logistik, und Billy muß zu einem der vielen kleinen Dienste antreten, für die er zuständig ist. Lulu Rosenkrantz, Analphabet und Killer, zerschlägt ihm die Nase, damit Martins Blut auf dem Teppich als Folge eines "kleinen Unfalls" ausgegeben werden kann.

Bei seinem Portrait dieses sauberen Vereins unterlaufen Doctorow weder falsche Töne der Heroisierung, noch versucht er der düsteren Geschichte das ärmliche Flämmchen der Moral entgegenzuhalten. Der Blick des fünfzehnjährigen Straßenjungen aus der Bronx nimmt die Dinge als gegeben, weil seine Umgebung ihn gelehrt hat, daß seine legalen Chancen gleich Null sind und es Macht und Wohlstand nur bei denen gibt, die wie Dutch Schultz sich von jener "Urwut" leiten lassen, "die den Verbrecher ausmacht". Darum sucht Billy die Nähe dieses Mannes, bis er endlich seine Aufmerksamkeit erweckt und als Lehrling bei ihm anfangen darf. Natürlich erschreckt ihn, was er zu sehen bekommt, aber das ist das Erschrecken vor Dingen, deren Gültigkeit nicht in Frage steht und die zu begreifen das Ziel der Ausbildung ist "Ich fand es am leichtesten, wenn Mr. Schultz mit mir sprach; dann waren für ein paar Augenblicke die Dinge klar. Ich kam zu dem Schluß, daß ich bislang zwar die Idee davon hatte, aber noch nicht das Gefühl dafür, und es war das Gefühl, welches das Geniale der Idee ausmachte, wie jeder allein dadurch erkennen konnte, daß er sich in der Gegenwart von Mr. Schultz befand "

Billy fühlt sich durch Mr. Schultz Berührung neu erschaffen, sein Leben ist verzaubert und ihm aus den Händen genommen. So jagt die Erzählung seiner Erlebnisse dahin wie in einem Rausch. Da entsteht eine Stimmung, deren Spannung über die lange Strecke dieses Romans aufrechtzuerhalten schon ein Kunststück ist. Es ist die Stimmung einer Figur, die in einem befremdlichen Bühnenstück zwischen den Protagonisten agiert und zugleich vom Parkett mit Erstaunen die Szene beobachtet - die Stimmung eines Sommers im Leben von Billy Bathgate, der für die Dutch SchultzGang schon der letzte ist.

Denn als Billy 1935 zum ersten Mal für Schultz Leute Kaffee holt, sieht sich sein Meister schon von der "verfluchten Spaghettibande" in die Ecke gedrängt, er verliert Menschen und Marktanteile, er hadert, er sei seit achtzehn Monaten aus dem Geschäft - also exakt seit der Aufhebung der Prohibition. Immerhin ist es ihm gelungen, der New Yorker Justiz zu entkommen und den anstehenden Prozeß in das verschlafene Onondaga, N Y, zu manövrieren. Dort, wo Gangster unbekannte Wesen zu sein scheinen, spielt Dutch Schultz ein paar Wochen lang den untadeligen amerikanischen Bürger, der, da Gott ihn mit Erfolg beschenkt hat, in der Lage ist, den Geschäftsleuten ein guter Kunde zu sein und dem Bankdirektor ein noch besserer. Auch den in der großen Krise verschuldeten Farmern zeigt er sich als Menschenfreund, indem er sie mit großzügigen Spenden vor der Pfändung bewahrt. Schließlich sind das diejenigen Leute, aus denen die Geschworenen ausgewählt werden, denen es obliegt, im Prozeß über Schuld oder Unschuld zu befinden "Die Schmiere, die ich hinblättere, ist das Gesetz", sagt Schultz und behält recht: Freispruch.

Die Zeit des Wartens vertreibt Schultz sich in seiner Suite mit Mrs. Preston, die jung, schön, reich, verheiratet und ein merkwürdiger Fall ist. Sie war Bö Weinbergs Geliebte; doch bevor noch der Zement sich verfestigt hatte, war sie schon die von Dutch Schultz. Was sie bewegt - außer Sex mit ausgewählten "Gorillas" , weiß keiner so recht, und das macht ihr Geheimnis aus. Auch Billy erscheint in ihrer Bilanz auf der Habenseite, was jedoch seine zuvor schon gewonnene Einsicht nicht wesentlich beeinträchtigt: "Liebe spielte keine Rolle, so wie sie fickten und killten, war es keine Welt der Liebe, in der sie lebten, es war eine weite, leere, hallende Erwachsenenwelt, wo der Terror blühte Nicht anders können die Personen erscheinen, die er beschreibt: eindimensionale Charaktere, markiert durch wenige beherrschende Züge, mit einem Innenleben, das eingeschlossen ist wie in einer Stahlkapsel.