Von Hajo Steinert

Nur der Tor wähnt sich auf einer unendlichen Sonnenseite des Lebens. Tritt der leibhaftige Tod in seine Kammer, beginnt das große Zittern: "Geh weg! Du bist der Tod. Was willst du hier? Ich fürchte mich. Geh weg!" Daraufhin der Tod: "Steh auf, wirf das ererbte Grauen von dir! Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe!" – und läßt nach und nach einige längst Verstorbene in der Kammer des Toren erscheinen. Darunter auch dessen Mutter. Eine schöne Vision. Sie nimmt dem nunmehr Erleuchteten die Furcht vor dem Tod, bringt ihm bei, daß Leben und Tod eine Einheit bilden. Am Ende ruft der Tor seinem Lehrmeister sogar zu: "Da tot mein Leben war, sei du mein Leben, Tod!"

Hugo von Hofmannsthal hatte gut reden. Als er vor knapp hundert Jahren "Der Tor und der Tod" schrieb, war die Personifizierung des Todes literarisch noch en vogue. Außerdem befand er sich mit seiner furchtlosen Todesmetaphysik am Beginn einer neuen Epoche des Memento mori. Leben und Tod nicht als Anthithese, sondern als Synthese und mit Begeisterung heraufzubeschwören: Das war das Gebot der Stunde auch für kommende Autoren. Von Philosophie und Religion beflügelt, priesen sie alle eine mehr oder weniger stoische Haltung zum Tod, so unterschiedlich ihre Werke im einzelnen auch ausfielen.

Uns Heutige mutet die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Epoche einer einzigen Todesverklärung an. Wie sie sich davor drückten, die Realität der individuellen Todeserfahrung in allen ihren kruden körperlichen und klinischen Details zu beschreiben! Wie hoch sie ihren Salto mortale in die Metaphysik ansetzten, um ja nicht zugeben zu müssen, was auch sie empfunden haben mußten, nämlich schiere Todesangst!

Wenn nun in diesem Herbst die toten Mütter wiederauferstehen, so verdanken sie dies keiner nächtlichen Erscheinung oder irgendeiner anderen mystischen Eingebung. Tauchte der Tod noch in persona auf, so bliebe er Zeit seines Auftritts der schauerliche Gesell, das fürchterliche Gerippe. Kein Lehrmeister, sondern der Gegner. Der Tod wird nicht mehr metaphysisch heraufbeschworen, der Tod geschieht, und zwar ganz real. Nicht auf Visionen und philosophische Spekulationen über das "Danach" kommt es an, sondern auf das genaue Erinnern, Recherchieren und detaillierte Beschreiben der alltäglichen Erfahrung des Todes. Genau genommen: Es wird heute gar nicht mehr allgemein über den Tod geschrieben, sondern über das Sterben des einzelnen.

Heute läutet das Totenglöcklein am hellichten Tage. Es ist in den Telephonapparat einmontiert: Der Bruder ruft an, teilt mit, daß die Bauchhöhle der Mutter schon völlig verkrebst sei. Daraufhin geht der Benachrichtigte vors Haus und holt die Mülltonne herein.

Der erste Absatz in Ludwig Fels neuem Prosatext "Der Himmel war eine große Gegenwart" ist schon zu Ende. Der Ich-Erzähler Ludwig braucht eine Atempause. Nach einer derartigen Nachricht kann es nur darum gehen, eine Sprache für die Verstörung zu finden. Sätze, die dem Unfaßbaren einigermaßen gerecht werden.