Der Wille zur Freiheit in dem von der kommunistischen Diktatur drangsalierten Teil unseres Volkes wurde für die ganze Welt am 17. Juni 1953 zum ersten Male sichtbar. Erst am 9. November 1989, als das DDR-Regime das Brandenburger Tor öffnen mußte, hat dieser Wille endlich gesiegt. Nur ein einziges Mal im Leben hat mich ein anderes Erlebnis mit gleicher, unbeschreiblicher Freude erfüllt: nach Kriegsende das Wiedersehen mit meiner Frau. Für fast alle Deutschen war der Fall von Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen Grund zu großer Freude und tiefer Dankbarkeit; die Feier am 3. Oktober bleibt deshalb eigentlich nur noch ein offizieller Nachhall.

Trotzdem ist der 3. Oktober ein wichtiges Datum für die Zukunft. Denn die Vereinigung beider Teile Deutschlands auf dem Fundament unseres Grundgesetzes und die Bedingungen der beiden völkerrechtlichen Verträge als Voraussetzung zukünftiger deutscher Souveränität verändern die Aspekte unserer Außen- und Sicherheitspolitik wie auch unserer inneren und äußeren ökonomischen Politik. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag und der Moskauer Vertrag mit der Sowjetunion eröffnen zusammen neue Möglichkeiten – aber auch neue Gefahren.

Solidarität tut not

Marion Gräfin Dönhoff, Theo Sommer, eine Reihe von Redakteuren der ZEIT und ich haben im Laufe dieses Monats in vier Städten mit einigen tausend DDR-Bürgern diskutiert und dabei einige hundert Fragen beantwortet (soweit wir das konnten).

Unsicherheit, ja Angst wegen der andauernden Verfügungsmacht von Stasi-Leuten und SED-Karrieristen an der Spitze von Betrieben, Genossenschaften oder Ämtern spielte dabei eine große Rolle. Die wirtschaftliche Unsicherheit war jedoch noch größer. Begründete Sorge herrschte wegen des abnehmenden Verkaufs der eigenen Produkte, wegen möglicher und zum Teil wahrscheinlicher Firmenschließungen, sehr begründete Angst um den Arbeitsplatz.