DDR-Professoren auf der Anklagebank

Von Karl-Heinz Janßen

Bochum

Diese Herren sind nicht demokratiefähig!" – "Wir werden zur geistigen Provinz, wenn diese Herren auf ihrem Posten bleiben!" – "Ihr moralisches Versagen spüren diese Herren gar nicht!" Wie Peitschenhiebe knallen die Vorwürfe durch den großen Saal des Audimax der Universität Bochum. Mit atemloser Spannung verfolgen die Zuhörer, wie der Berliner Armin Mitter vom Unabhängigen Historikerverband der DDR mit Vertretern der älteren Professorenschaft seines Staates abrechnet. Sie waren vom Präsidium des 38. Historikertages zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden.

Man hatte wohlweislich nicht SED-Betonköpfe und zynische Apparatschiks dazugebeten, sondern eher "geläuterte", international anerkannte Gelehrte ihres Fachs aus Leipzig, Halle und Berlin. Doch der junge Ankläger kannte keine Gnade, und er ließ sich auch nicht durch beinahe flehentliche Appelle des Moderators Christian Meier in seinen Emotionen zügeln.

Da hielt es dann auch jene Historikerin nicht mehr auf ihrem Platz, die vor zwanzig Jahren in den Westen geflohen war, weil sie die Indoktrinierung nicht länger ertragen konnte. Sie hatte noch im Ohr, was die damals noch jungen Professoren ihr eingebleut hatten: "Historiker sein heißt Bewußtseinsbildner sein!" Da sei jetzt Toleranz fehl am Platze.

Noch nie hat ein Historikertag eine solch dramatische Auseinandersetzung erlebt. Das hatte zuweilen die tragischen Züge des klassischen Dramas: menschlicher Jammer, Schuld und Versagen, verhärtetes Gewissen, Scheu vor öffentlicher Rechtfertigung, Verzweiflung, Angst. Das größtenteils westdeutsche Publikum – Professoren, Studenten, Geschichtslehrer – staunte und schwieg betroffen – das war ihre Sache nicht, die dort verhandelt wurde.