Die Philosophie hat eine große Vergangenheit. Und auch um ihre Zukunft sei es nicht schlecht bestellt, versicherte Hilary Putnam, der Gast aus den Vereinigten Staaten, beim Philosophiekongreß in Hamburg. Aber hat die Philosophie auch eine Gegenwart? Jedenfalls hat sie Konjunktur, und die müsse sie nutzen, beschwor Herbert Schnädelbach, der Präsident der "Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland", in seinem Eröffnungsvortrag die Teilnehmer. Dazu dürfe sie sich nicht einigeln und historische Nabelschau betreiben, sondern müsse sich den Problemen der Gegenwart öffnen. In diesem Sinne solle Philosophie nicht länger als Geisteswissenschaft verstanden werden.

Was aber geschähe, wenn Friedrich Nietzsche heute seine "Geburt der Tragödie" als Habilitationsschrift einreichte? Ein Werk ohne Anmerkungen, ohne Zitate, ohne Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur, ein spekulativer Drahtseilakt ohne das Netz der philologischen Kärrnerarbeit. Er wäre auch heute, trotz Adornos Versuch, den Essay als philosophisches Genre hoffähig zu machen, wissenschaftlich tot. Schnell ist der Ruf ruiniert in der Wissenschaft. Wer traut sich unter solchen Umständen einen großen Entwurf zu? Er könnte ja falsch sein, und so wird er ersetzt durch viele richtige Analysen. Sind die philosophischen Institute die Altersheime der Philosophie, wo sie zu Tode gepflegt wird?

In Hamburg standen hochaktuelle Themen an, die in mehr als hundert Vorträgen behandelt wurden: Mensch und Natur, Politik und Moral, Bewußtsein und künstliche Intelligenz, Wirtschaftsethik, Technologie und Ethik, um nur einige zu nennen. Haben diese Vorträge etwas bewegt, das auch außerhalb der Akademie zu bemerken ist?

Als sich das christliche Weltbild als nicht mehr tragfähig erwies, traten die Philosophen im 17. Jahrhundert an, um der Neuzeit ihre Grundlage zu geben. An die Stelle Gottes trat das denkende Ich. Es war ein sehr abstraktes, entleibtes Ich, das zum Ausgangspunkt der unterschiedlichsten Weltkonstruktionen genommen wurde. Jürgen Habermas zeigte in seinem Vortrag, wie dieses Ich von Husserl und Heidegger in die Lebenswelt eingebunden wurde und wie sein eigenes Denken daraus erwächst: Basis eines humanen Selbst- und Weltverständnisses müsse die kommunikative, verständigungsorientierte Grundstruktur unseres Alltags sein, die hinter den Verzerrungen durch die Expertenkultur freizulegen wäre. Andere Referenten machten sich stark für Hans Jonas’ Konzept einer Verantwortlichkeit der menschlichen Gattung für sich selbst und die Natur. Eine solche Ethik gründet nicht mehr in dem (individuellen) Freiheitsbegriff, sondern in einem Naturbegriff.

Die Frage ist aber, ob es möglich ist, aus der Tatsache, daß es die Natur und den Menschen gibt, zu folgern, daß sie auch sein sollen. An anderer Stelle lernte man, daß Nietzsche sein Begriffspaar Dionysos-Apollo möglicherweise von Georg Friedrich Creuzer übernommen hat. Dann gab es Sonderveranstaltungen: Der Computer als Hilfsmittel für logische Kalküle, Philosophie und Fernsehen, philosophische Praxis und schließlich feministische Philosophie. Ob die Vernunft als solche denn männlich sei, wollte ein Zuhörer wissen. Mitleidige Heiterkeit der Insiderinnen. Feministische Philosophie sei keine weibliche, war zu erfahren, vielmehr gelte es, patriarchalische Strukturen im Denken der Philosophen und das Bild der Frau in der Kunst aufzudecken.

Es gab philologische Maulwurfarbeit in Hamburg, gewissenhafte Untersuchungen zu Kant, zu Derrida, zu Plato und anderen. Es wurden bekannte Positionen leicht variiert vorgestellt, aber man tastete sich auch an neue Probleme heran. Es war kein Kongreß der neuen Ideen und zukunftsweisenden Entwürfe, doch es war der Versuch der Neuorientierung des philosophischen Denkens an den Problemen der Gegenwart. Was kann die Philosophie zu deren Lösung beitragen?

Jedes Konzept einer unmittelbaren Handlungsorientierung ist verfehlt, denn dazu ist philosophisches Denken zu grundsätzlich. Genau dies aber ist seine Stärke: Nur wenn die Grundsätze unseres Denkens und Handelns durchschaut sind, haben wir die Chance, sie durch andere zu ersetzen. Und wie es scheint, brauchen wir dringend neue, denn unser altes Denken hat uns die Probleme beschert, zu deren Bewältigung es schwerlich taugt. Die Gen-Biologie und die künstliche Intelligenz, die Kernkraft, die Chemie und die Eindämmung der Kindersterblichkeit – das sind großartige Erfolge unseres alten Denkens. Doch inzwischen kennen wir auch ihre Kehrseite: die Bedrohung der ökologischen Lebensgrundlagen, die Übervölkerung der Erde oder die Risiken der Atomwirtschaft.