Von Alexander Furman

Osteuropäischer Spekulantentreff", so nennt die Miliz den großen Schwarzmarkt in der sowjetischen Stadt Luzk (167 000 Einwohner). Im Volksmund heißt er "Tolkutschka" (was soviel bedeutet wie "sich drängen") oder "Warschawka", was auf eine große Zahl von Polen unter den Händlern zurückzuführen ist. Früher wurde hier, etwas außerhalb der Stadt, Trödel verkauft. Doch mittlerweile verwandelte sich der Tolkutschka und wurde eine der wichtigsten Versorgungsquellen der Bevölkerung, einer der größten seiner Art im ganzen Land. Am Wochenende beträgt sein Umsatz über vier Millionen Rubel (1 Rubel gleich 0,25 Mark). Armenier, Georgier und Tadschiken fliegen für zwei Tage nach Luzk und kaufen ganze Warenpartien ein, um sie daheim weiterzuverscherbeln.

Schon am Freitagabend beginnt das Geldfieber in der Stadt. Parkplätze kosten das Zehnfache der sonst üblichen Gebühr. Laute Musik klingt aus vollbesetzten Kneipen, und auf den Straßen blüht die Prostitution.

Am Samstagmorgen, Punkt fünf Uhr, öffnet sich das Tor. Eine tausendköpfige Menschenmenge drängt sich auf das mit Stacheldraht eingezäunte Marktgelände, und der Handel tobt los. Besonders dichte Käufertrauben umlagern die Stände mit westlichem Warenangebot. Platz ist knapp; so breiten einige Händler ihre Waren gleich auf der Erde aus.

Über Lautsprecher warnt die Miliz vor Neppern und Betrügern. Nicht umsonst: Es kommt schon vor, daß ein Kunde übers Ohr gehauen wird und daheim statt der neuerworbenen Hose lediglich ein vereinzeltes Hosenbein vorfindet, allerdings in einer aufwendigen Verpackung. Nicht ungewöhnlich ist auch, daß die Verkäufer Zwangsgelder zahlen müssen; einige erledigen derlei Zahlungen schon im voraus bei kräftigen Kerlen, die in Adidas-Sportanzügen scheinbar unbeteiligt am Zaun stehen.

Gegen 15 Uhr, wenn der ärgste Rummel nachläßt, kommen die ganz Großen unter den Geschäftemachern, die mit Summen hantieren, für die der Normalbürger kein Händchen hat. Ein Mercedes 190 wird für 400 000 Rubel verkauft. Der Durchschnittslohn hierzulande beträgt gerade einmal 250 Rubel monatlich.

Woher kommt die Ware und wer handelt da? Als die Perestrojka endlich die Grenzen des Sowjetimperiums öffnete, kam das nicht nur den Reiselustigen, sondern auch sowjetischen Spekulanten zugute, die nun den europäischen Schwarzmarkt erschließen wollen. Massenweise werden Videos, Autotelephone und Textilien in den Osten gebracht. Im Westen sind dagegen Diamanten, Kaviar und Ikonen aus der UdSSR gefragt. Dieser Strom von Waren in beide Richtungen verstärkt die Inflation und versetzt der vor dem Kollaps stehenden sowjetischen Wirtschaft harte Schläge. Den offiziellen Statistiken zufolge werden monatlich Waren im Wert von über dreißig Millionen Rubel über die Grenze geschmuggelt. Der bei ihrem Weiterverkauf erzielte Gewinn beträgt das Zehnfache. Dieses Geld wird weder besteuert noch in die Wirtschaft investiert. Damit werden dunkle Geschäfte finanziell gesichert – Valutaankauf, Waffenhandel. Das ist der Preis, den Gorbatschow für seine Politik der Öffnung bezahlen muß.