Zum Spanienjahr 1992 will Valencia den Besuchern aus aller Welt aufspielen

Von Jochen R. Klicker

Wir fahren auf Valencia zu, die Stadt, die von ihren Kritikern ein Brausepulver genannt wird und ihren Bewunderern als der mediterranste Ort von Spanien gilt. Als wir uns diesem Moloch am Meer von Norden her nähern, ist es so wie immer. Nach einer wegen der Mautgebühr teuren, aber zügigen Fahrt durch die burgengesäumten Täler des País Valencia und die endlosen Orangenplantagen der Gartenlandschaft Huerta geht mit einem Mal nichts mehr.

Am semáforo europeo, Europas ärgerlichster Verkehrsampel, stehen wir im Stau, machen dann im Stop-and-go-Verfahren die Voyeure für Auffahrunfälle und die trillernden Polizisten der Guardia Civil, deren wilde Gesten den Verkehr um keinen Stundenkilometer beschleunigen.

Selbst Valencianer, die sich sonst gern ihrer ungezügelten Schaulust rühmen, haben längst resigniert und warten nur noch auf das magische Datum, an dem die Mittelmeerautobahn fertig werden soll und mit ihr die für Valencia entlastende Umgehungsstraße. Die Expo ’92, die Weltausstellung in Sevilla, wird’s möglich machen.

Ach ja, 1992! Zunächst haben die Leute, die entlang der beiden ausgetrockneten Flußbetten des Türia wohnen, frohlockt: in Sevilla Weltausstellung, in Barcelona Sommer-Olympiade und Madrid zur Kulturhauptstadt Europas gekürt – da würden, so hatten sie geglaubt, alle Menschen, die dem Trubel entrinnen wollten, dankbar nach Valencia strömen. Entspannung schien die Zukunftsperspektive zu sein, ganz gleich, ob an den Sanddünen des Albufera-Sees, in den Discos im Stadtteil Xüquer oder im Revuetheater "Lady’s".

Aber dann besann sich jemand darauf, daß Valencia einen Ruf zu verlieren hatte, nämlich den, die musikalischste Stadt Spaniens zu sein. Also mußte doch noch ein 92er Projekt her. Und nun sieht es ganz so aus, daß aus den Plänen auch etwas wird: Valencia – die Musikhauptstadt der Welt. Die sogenannte Achse Barcelona-Madrid–Sevilla, so scheint es, erhält in zwei Jahren tatsächlich einen gewichtigen, klingenden Seitenstrang. Damit wäre dann auch das ewige Konkurrenzverhältnis zwischen den vier größten Städten Spaniens wiederhergestellt.