Es fehlt heute gewiß nicht mehr an deutschen Übersetzungen von Werken der japanischen Literatur. Sowohl die ältere, sagen wir: klassische, als auch die moderne Literatur, also die seit der Meiji Zeit, von vor hundert Jahren bis in die Gegenwart hinein, ist in den wichtigsten Zeugnissen, obwohl zuweilen noch aus dem Englischen, übersetzt worden. Autoren unseres Jahrhunderts wie Tanizaki oder Kawabata, Mishima oder Abe liegen mit ihrer Erzählprosa in deutscher Sprache vor.

Durch die Einrichtung einer "Japanischen Bibliothek im Insel Verlag" wurde überdies ein Forum geschaffen, um repräsentative Werke der japanischen Literatur und Philosophie dem deutschen Lesepublikum zugänglich zu machen. In dieser ganz vorzüglichen Buchreihe wurde nun auch eine der bedeutendsten Erzählungen von Nagai Kafu (1879 bis 1959) aufgenommen.

Nach längerem Auslandsaufenthalt in den USA und in Frankreich in seine Heimat beinahe widerwillig zurückgekehrt, wurde Kafu zum Kritiker nicht der westlichen Zivilisation, die ihm doch als authentisch erschien, sondern zu dem des verwestlichten Nippon, das die schönen Bilder seiner Überlieferung im Interesse eines räuberischen und skrupellosen Fortschritts zu zerstören sich anschickte. Eisenbahnen und Fabrikanlagen erstickten die altertümlichen, bescheidenen und humanen Zeugnisse der japanischen Wohnkultur; die neue Arbeitsweise zersetzte den alten Lebensstil. Wo aber die Zukunft die Vergangenheit aufzehrt, da bewahrt der Künstler nicht einfach das Bild dessen, was zu verschwinden droht, er arbeitet nicht einfach für ein imaginäres Museum, er belebt es vielmehr neu, er läßt die Kraft des Erinnerns produktiv werden. So jedenfalls geschieht es bei Kafu. Die sonderbare Liebesgeschichte, die hier erzählt wird, ist freilich nicht nur eine Liebesgeschichte: Sie ist zugleich die Geschichte vom Erzählen einer Geschichte. Der Erzähler spürt die Berührungspunkte zwischen Literatur und Leben auf, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Fiktion und Realität. Er tut dies ganz unprogrammatisch, auf fast unmerklich subtile Weise, so daß man versucht sein mag, über manches hinwegzulesen, das sich dann erst im nachhinein in seinem Signalcharakter zu erkennen gibt. Eine besondere rt des künstlerischen Understatements bekundet sich in dieser "Romanze" - Eigenschaften, die man rielleicht für unverwechselbar japanisch halten darf. Es fehlt an Dramatik, psychologischer Auseinandersetzung, an Gefuhlsausbrüchen, an Direktheit. Es wird hier in der Behausung am anderen Ufer des Sumidagawa gewissermaßen kein lautes Wort gesprochen, aber es gibt Gesten von großer Eindringlichkeit und die Intensität einer mit größter sinnlicher Genauigkeit wahr- und aufgenommenen Atmosphäre bis in die Eigentümlichkeiten der Jahreszeiten hinein.

Manches, was wir zuweilen als europäisiert modern zu lesen versucht sind, mag in der japanischen Literatur auf eigene, ältere Traditionen zurückzuiühren sein; wir bewegen uns hier, auch wenn wir vissen, welche Rolle Erzähler wie Maupassant oder Tschechow in der neueren japanischen Literatur gespielt haben, auf reichlich unsicherem Terrain. Bei Nagai Kafu aber wird die melancholische Spurenlese auf der Suche nach den Überresten der im lärmenden Tokio untergegangenen alten EdoKultur zum Element des Erzählens.

"Was einmal verloren ist, kommt nicht wieder", weiß auch Kafu, aber aus den Fäden, die noch geblieben sind, die er vorsichtig aufnimmt, knüpft Kafu ein neues, zartes, dennoch festes Gewebe von <ganz eigenem Reiz. Zuweilen nimmt er sogar Abstand und weist mit leichter Ironie auf das Gewebe hin: "Verwundert mag sich der eine oder andere Leser gefragt haben, ob das Benehmen jener Frau, die mir dort auf der Straße zum ersten Mal begegnete, nicht als gar zu vertraulich und entgegenkommend geschildert wäre. Doch habe ich die Begebenheit, so wie sie sich zutrug, ohne weitere Ausschmückung wiedergegeben Er wollte, versichert er, nur "wahrhaftig", also aufrichtig sein. "Einige Leute mögen es belächeln, daß alles mit Gewitterschauer und Donnerschlag beginnt, und urteilen: Hier zeigt sich wieder einmal der Routinier; doch nur um solchen Urteilen vorzubeugen, wollte ich meine Geschichten nicht umbauen " Ganz im Gegenteil: "Daß ein abendlicher Regenschauer den Vermittler jener Nacht spielte, daß alles, ganz wie bestellt, in traditioneller Manier abief, genau das war es doch, was mich daran so fesselte. Ehrlich gesagt, hier liegt der wahre Grund, warum ich dies schrieb, warum ich den Pinsel ergriff und mit dieser Geschichte begann "

Und dazu gehört dann eben auch, daß der Erzähler auf eine spätere sentimentale Wiederbegegnung seiner Protagonisten verzichtet, daß er das Erlebnis genau wie die Erzählung selbst einfach ausklingen läßt und es der Vergänglichkeit überantwortet, scheinbar gleichgültig, ja herzlos - und doch geprägt von der Innigkeit der Wiedervergegenwärtigung, deren Gestalt und Zauber auf eine vollkommen überzeugende Weise auch in der deutschen Wiedergabe noch erhalten blieb.

H Nagai Kafu: