Ein Wechselbalg ist im Leben eine Gemeinheit und in der Literatur eine feine Methode der Fortpflanzung. Oskar Pastior hat einem seiner Gedichtbände diesen Titel gegeben. Im Verständnis einer Wortkunst, deren Gegenstand das Material Sprache ist, sind Schmuggler bewundernswürdige Artisten und die Wechselbälge, die sie legen, "Letternsprünge" zwischen zwei Zuständen der Sprache. Man könnte auch sagen: Übersetzungen mit poetischen Folgen.

Das alchemistische Abenteuer kann Jahrhunderte, Kontinente oder Lebensalter verschmelzen. Guntram Vesper führt diese letzte Möglichkeit jetzt als Experiment am eigenen Leibe vor "Frühe Gedichte" kündigt der Untertitel seines neuen Lyrikbandes an. Der Klappentext spricht von einer Überprüfung des lyrischen Beginns aus der "Distanz der Jahre". Jemand betritt die alten poetischen Schauplätze und begegnet dort den Erfahrungen eines Ich, das inzwischen in anderen Kleidern steckt.

Allerdings tilgt Vesper alle Spuren der Konfrontation. Kein Hinweis auf das, was Urtext, was Übersetzung ist und welche Gedichte frisch aus der Feder kommen. Nichts außer den bei diesem Autor ganz ungewöhnlichen Qualitätseinbrüchen gibt darüber Auskunft. Mit den Texten, die in der Vergangenheit entstanden, geht er um wie mit Rohmaterial, aus dem in der Bearbeitung eine Geschichte des frühen Ich freigelegt wird. Offenbar ist es sein Ziel, Grundmuster einer Daseinserfahrung zu zeigen, deren Rahmenbedingungen durch den Krieg und den totalitären sozialistischen Staat geschaffen wurden. Aber die Erfahrungs- und Mitteilungssubstanz der Gedichte reicht nicht immer aus für den Modellcharakter, der ihnen zugesprochen wird. Was unter den Bedingungen eines unzensierten und freieren Umgangs mit den alten Texten zu einer spannenden Auskunft über Mechanismen der Ich Bildung geführt hätte, gerät jetzt zu einer Selbststilisierang, deren Formatprobleme mit dem Namen Jessenin zusammenhängen, dem Patron, den Vesper für seine "Kirmes" des Ich wählt.

Die vor- und nachwortähnlichen Auf- und Abgesänge des Bandes sprechen vom lyrischen Auftrag angesichts einer gefährdeten Schrift und am Ende von einer Feder, die sich gesträubt habe. Das ist eine preziöse und in ihrer gedanklichen Substanz schmale Rahmung für ein lyrisches Lebensbuch, das mit der eigenen Person umgeht wie mit einer Materie, durch die sich die Geschichte vorwärtsbewegt, Wunden schlagend, verletzend, auch heilend, je nach Laune.

Unverkennbar ist die Tendenz, die Einzeltexte entlang den Tages- und Jahreszeiten narrativ zu verbinden und in kapitelartigen Entwicklungsschritten die Stationen des eigenen Lebensweges als exemplarischen Fall deutscher Nachkriegsgeschichte nachzuzeichnen: die frühe, vom Krieg gezeichnete Kindheit; eine ländlich kleinstädtische Idyllik und die Zeichen fortwirkender Gewalt, die sie entstellen; eine Schulzeit, deren sozialistische Programme Gegenprogramme erzeugen; die Flucht der Familie in den Westen, eine schwierige Ankunft in der deutschen Fremde und eine langsame Einrichtung, von der Liebesgedichte, Dorfbilder und Selbstbildnisse in der Rolle des poetischen Chronisten zeugen.

Diese Geschichte kennt, wer Guntram Vespers lyrische, erzählerische und seine umfangreiche Hörspielproduktion kennt, für die der inzwischen 49jährige, in Göttingen und im hessischen Steinheim lebende Autor breite Anerkennung gefunden hat. Schreiben bei Vesper ist ein unerhört disziplinierter Prozeß der Verknappung, bei dem die Sprache eingesetzt wird wie ein härtendes Präzisionsinstrument. In seinen besten Texten, dort, wo er das Kleinformat überwindet und sein poetisches Aufnahmegerät den Nahbereich und die großen historischen Erfahrungen dieses Jahrhunderts zusammenführt, entsteht eine großartige Poesie der Sachlichkeit, die ohne metaphorischen Beistand, ohne jeden Zierat die großen Distanzen zwischen ihren Gegenständen überwindet.

Beispiele für diese Kunst der Lakonie finden sich in dem neuen Band zuhauf, darunter ein Gedicht, das den Titel "Jessenin" trägt. Es erzählt eine Geschichte langer innerer und äußerer Wege, von der Hütte in die Kellerkneipen Leningrads, vom Feld in die Stadt, vom "Köter" als dem täglichen Gefährten zum Buch. Aber der poetische Reiseschriftsteller benutzt kein einziges Verb. Mit Hilfe von Binnenreim und Zeilensprung geraten die getrennten Zustände neben- und ineinander. Es entsteht eine Atmosphäre der Gleichzeitigkeit, in der die Figur zum Stillstand kommt. In der Art eines Steckbriefs wird die äußere Ansicht eines Menschen gezeigt, dessen zerrissene Kluft, halb Knecht, halb Dichter, eine lange Geschichte erzählt.