Zur Wissenschaft gehört selbstverständlich auch die Kontroverse. Darauf mußten allerdings die Teilnehmer der 48. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg bei den Themen "Frauen und Umwelt" und "Nachweis von Umwelteinflüssen" verzichten: Die Veranstaltungen fanden zwar gleichzeitig, aber in verschiedenen Räumen statt, so daß Referenten und Zuhörer der jeweiligen Vorträge miteinander nicht ins Gespräch kamen. Schade, die Chance einer vielleicht klärenden Auseinandersetzung über höchst unterschiedlich bewertete Umweltrisiken für Fruchtbarkeit und Schwangerschaft blieben so ungenutzt.

In der Gesprächsrunde "Frauen und Umwelt" befaßte sich der Ulmer Gynäkologe Karl Knörr vorwiegend mit dem Greifbaren, beispielsweise Streß, Zigaretten und Alkohol. Diese vermeidbaren Risikofaktoren sind verantwortlich für die seit vielen Jahren unveränderte Häufigkeit von Frühgeburten: Immerhin sechs Prozent aller Kinder kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche oder mit einem Geburtsgewicht von unter 2500 Gramm zur Welt. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, daß mit der Vermeidung dieser "Umweltbelastung" durch Aufklärung, geeignete soziale und ökonomische Hilfe die Zahl zu frühgeborener Kinder um Zwei Drittel gesenkt werden kann. Die Professorin Renate Huch aus Zürich, die das Podiumsgespräch moderierte, wollte gewiß andere mögliche Risiken, etwa durch chemische Umweltgifte, nicht verharmlosen, als sie diese mangels eindeutiger Beweise sozusagen unter "ferner liefen" einordnete.

Der experimentelle Nachweis von chlorierten Kohlenwasserstoffen in der Samenflüssigkeit oder im Gebärmutterschleim wurde im anderen Saal diskutiert. Pentachlorphenol (PCP), das Pestizid DDT oder das ehemals in vielen Holzschutzmitteln vorhandene Insektizid Lindan sind denkbare Ursachen für Kinderlosigkeit, Fehlgeburten oder Mißbildungen. Die vorwiegend jungen Wissenschaftler aus Bonn, Heidelberg oder Tübingen beanspruchten noch keine klinische Relevanz für ihre Untersuchungsergebnisse. Sie sind vorsichtiger geworden, weil Sensationsberichte zu voreiligen Schlüssen geführt haben.

Die Befunde, die Ingrid Gerhard, Gynäkologieprofessorin an der Universität Heidelberg, aus ihrer Hormonsprechstunde vorlegte, sind eindrucksvoll. Im Blutserum von 24 Prozent dieser Patientinnen konnte sie überhöhte Konzentrationen von PCP und Lindan nachweisen. Die Heidelberger Forscher haben die Emissionsquellen für PCP und Lindan im Wohn- oder Arbeitsbereich ihrer Patientinnen ausfindig gemacht. Konnten die Räume saniert werden oder zogen die Frauen aus, dann wurden nach zusätzlicher hormonaler Behandlung die Patientinnen auch schwanger. Als Erfolg einer reduzierten Umweltbelastung können die eingetretenen Schwangerschaften allerdings kaum bewertet werden. Die Patientenzahl ist viel zu klein, um eine solche Aussage zu gestatten. Die Heidelberger Gynäkologin ist aber zuversichtlich, "in einem Jahr Beweise vorlegen" zu können.

Die zur extrakorporalen Befruchtung (IvF) erforderliche Technik hat dem jungen Forscherehepaar Hans und Katrin van Ven an der Universitäts-Frauenklinik in Bonn sehr anspruchsvolle Untersuchungen ermöglicht. Die beiden haben festgestellt, daß im Schleim des Gebärmutterhalses eine zwanzigfach höhere Menge von chlorierten Kohlenwasserstoffen vorhanden ist als in der Flüssigkeit, die Ei- oder Samenzellen umgibt. Von der Beweglichkeit der Samenzellen und ihrer Fähigkeit, in die Eizelle einzudringen, hängt die Befruchtung ab. Einen Einfluß auf die Penetrationstiefe der Samenzellen in den Gebärmutterschleim konnten die Forscher nicht finden. Allerdings wird die Langzeitüberlebensfähigkeit (über 24 Stunden) von Samenzellen durch chlorierte Kohlenwasserstoffe eingeschränkt.

Auch die Östradiolproduktion in den Eizellen wird dosisabhängig von PCP gehemmt. Bei normaler Exposition kann daraus allerdings keine Gefährdung der Fruchtbarkeit abgeleitet werden. Anders könnte es bei stärkerer Belastung, beispielsweise am Arbeitsplatz aussehen. Aber Beweise dafür hat Hans van Ven noch nicht gefunden.

Hans Harald Bräutigam