Von Ilka Piepgras

Elf Jahre lang hat Claus Lorenzen am Hamburger Verwaltungsgericht Recht gesprochen. Die Spezialgebiete des 39jährigen Juristen waren Hochschulzulassungen und Asylverfahren: "Iraner, Ghanaesen, Tamilen, Polen". Seit dem ersten September hat Lorenzen einen neuen Arbeitsplatz: Er ist als Richter "ausgeliehen" ans Kreisgericht Schwerin. An Ort und Stelle soll er beim Aufbau des Rechtswesens nach bundesdeutschem Muster helfen. Zunächst für ein Jahr hat er sein modernes Hamburger Büro gegen ein karges Zimmer im Schweriner Gerichtsgebäude am Demmlerplatz eingetauscht. Dort, im zweiten Stock, riecht es noch nach dem real existierenden Sozialismus, nach Reinigungsmitteln und Kohlebriketts. Zwei Neonröhren verbreiten ungemütliches Licht über den grauen Linoleumboden und die verblichene Blümchentapete. Reste vom Inventar der Stasi, die hier bis kurz nach der Wende ihr Unheil getrieben hatte, stehen auf dem Flur: versiegelte Aktenschränke aus Stahl.

Lorenzen hat sich viele Bilder aufgehängt: Seine kleine Tochter lacht ihm an der Wand vor dem Schreibtisch entgegen, daneben hängt ein Aquarell, das ihm Hamburger Freunde gemalt haben. "Ein Richter geht nach Schwerin" heißt das Bild, auf dem ein Strichmännchen eine einsame Insel erklimmt.

"Ich bin auf keinen Fall nach Schwerin gekommen, um Deutschland aufzubauen." Lorenzen schüttelt sich. "Ob Österreich, Schweiz oder DDR – ich wäre überall hingegangen, wo eine Verwaltungsgerichtsbarkeit eingerichtet werden muß." Ihn reizt vor allem die Aufgabe, den DDR-Bürgern ein neues Rechtsbewußtsein zu vermitteln. Denn deren Erfahrungen mit einem Staat, in dem die Rechte des einzelnen Bürgers nicht viel galten, sitzen tief. Daß sie Beschwerde gegen eine Verwaltungsentscheidung erheben oder gegen den Staat klagen können, daß ein Sozialhilfeempfänger zur Not einen Wintermantel beanspruchen kann, daran müssen sich die Bürger erst gewöhnen.

So kommen Verfahren vor Verwaltungsgerichten bislang nur tröpfchenweise zustande. Das liegt aber nur zum Teil an der mangelnden Aufklärung, sondern noch viel mehr an den Behörden, in denen sich die Arbeit staut. Die Beamten lassen stapelweise Akten liegen, anstatt sie an das Gericht weiterzuleiten. "Die Behörden liegen in Agonie", sagt Lorenzen, die Beamten sind überfordert von der Aufbauarbeit. Auch gibt es im Osten zu wenige Rechtsanwälte; erst ihre Initiativen bringen das Justizwesen richtig in Gang. Die westlichen Richter wurden als Feuerwehr gerufen, aber noch brennt es nicht.

Zaghaft klopft jemand an Lorenzens Tür. "Sind sie ein West-Richter?" fragt schüchtern eine junge Schwerinerin. Dann bricht es in wirren Sätzen aus ihr heraus: Drei Monate lang hat ihr Mann für einen Hamburger Autohändler als Verkäufer gearbeitet. "Viele Autos hat er verkauft, obwohl er eigentlich Mechaniker ist." Jetzt ist ihm fristlos gekündigt worden. "Sie sind für unser Haus leider nicht geeignet", steht lapidar im Kündigungsschreiben, "wir wünschen ihnen für ihre Zukunft alles Gute." Einen rechtskräftigen Vertrag hatte der ahnungslose Schweriner nie abgeschlossen, Sozialabgaben und Lohnsteuer sind nicht abgeführt worden. Arbeitslosengeld bekommt das Paar nun keines, es steht mittellos da. Kein Fall für einen Verwaltungsrichter, aber Claus Lorenzen will helfen. Er vermittelt die Adresse eines befreundeten Hamburger Rechtsanwaltes, der, "wenn sie hinten runterfallen, kein hohes Honorar sehen will".

"Hier herrschen Wild-West-Zustände", meint Lorenzen, "das ist die reinste Anarchie." Die Kriminalitätsrate steigt, die Bürger halten sich an keine Vorschriften mehr, und der Staat zeigt sich nicht. "Ich bin mittlerweile froh, wenn ich einen Verkehrspolizisten Knöllchen verteilen sehe", sagt ein Kollege von Lorenzen. Die westlichen Richter in Schwerin sind konsequent: Beim abendlichen Kneipenbummel halten sich die Autofahrer unter ihnen an Rhabarbersaft (wie sonst könnten sie aufrecht über Promillesünder unter der immer noch geltenden Null-Promille-Klausel richten?); ihre Wohnungssuche lief ordnungsgemäß über das Wohnamt, obwohl es auf dem Schwarzmarkt viel schneller ginge.