Von Klemens Polatschek

Rücken an Rücken reihen sich tiefsinnige Bücher über die berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte, über van Goghs "Sternen-, nacht", Dürers "Melencolia 1" und, wir stellen es druckfrisch ins Regal, "Dagobert und Donald Duck" von Carl Barks. Wir sollen uns die Albernheiten sparen? Das ist völlig ernst. Aber wenn das keine Albernheit ist: Wer ist Carl Barks?

Barks wurde 1901 in Oregon geboren, Schulbildung bekam er nur die allernotwendigste, und wenn er nicht irgendwann den Zeichenstift in die Hand genommen und ein paar Cartoons verfertigt hätte, wäre er wahrscheinlich als Hilfsarbeiter gestorben. So aber kommt er 1935 in die Zeichenfabrik Walt Disneys; 1943 wechselt er von der Abteilung Trickfilm zu den Donald-Duck-Geschichten. Damit beginnt, verborgen in der Fron eines anonymen Zeichenbeamten, eine Künstlerlaufbahn: Im Laufe von 25 Jahren macht Carl Barks dann die Arbeit, die die Augen der Eingeweihten leuchten läßt, wenn sie seinen Namen hören. Er ist Autor – also Zeichner und Texter – von 520 Donald-Duck-Geschichten, und zwar, wie die Eingeweihten sofort rufen, der 520 besten, die je veröffentlicht worden sind.

Onkel Dagobert, Gustav Gans, Daniel Düsentrieb, die Panzerknackerbande – alle diese Figuren haben denselben Erfinder: Carl Barks. Nach seiner Pensionierung 1967 tritt er aus der Anonymität. Die Welt erfährt, wer "dieser gute" unter den Duck-Zeichnern ist. Eine Barks-Gemeinde huldigt ihm, auch hierzulande, versammelt im D.O.N.A.L.D. e.V.; seine gesammelten Werke erscheinen in dreißig Bänden. Sogar der Entenkritiker David Wagner, USA, schreibt: "Barks stellt in der Eintönigkeit der reaktionären Tendenzen im Disney-Reich die einzige Ausnahme dar"; die strengen Disney-Regeln – heile Welt und was dazugehört – habe er manchmal sogar verspottet.

Jetzt hat ihn die Reihe "kunststück" im Fischer-Verlag verewigt, mitten unter Größen wie van Gogh und Dürer. Traditionell wird in dieser Serie das ausgesuchte Werk in einen gesellschaftlich-politischen Zusammenhang gestellt. Da lacht, wer die Kinder-Massenware Donald Duck zu kennen glaubt. Die harmlose Ente – in einen Zusammenhang! Aber sofort belehrt David Kunzle, Autor des Buches und britisch-amerikanischer Comic-Experte, er habe in den deutschen Ausgaben "eine editorische Haltung beobachtet, die dazu geführt hat, krasse Szenen zu entamerikanisieren und zu entaktualisieren".

Denn – und diesem Nachweis dient Kunzles ganzer Text – Barks’ Comics waren immer ganz amerikanisch und meist schrecklich aktuell. Den echten Dagobert Duck kennen wir hier, weitab von Entenhausen (=USA), ja gar nicht. Diesen tyrannischen Milliardär, Donalds Onkel, führte Barks 1948 als "Uncle Scrooge" ein, benannt nach dem großen Geizhals bei Charles Dickens. Mit denselben Initialen wie "United States" oder "Uncle Sam", man beachte das. Für seine tägliche Reinigung im Geldspeicher schwimmt er einfach in Dollars und nicht etwa in den harmlosen "Talern" der deutschen Ausgabe. Scrooge McDuck, so sein voller Name, ist laut Kunzle "ein halbmoderner, internationaler Monopolkapitalist". Sein Geldspeicher "erzeugt bei ihm ebenso großen Verfolgungswahn wie bei der US-Regierung das Konzept der "Nationalen Sicherheit’".

Barks also zeichne politische Zeitgeschichte. Horror! Doch David Kunzle kann genau diese Linie über die Jahrzehnte belegen. 1949 wird die Weltlage frostig, der Krieg ganz kalt; prompt tauchen in Barks’ Geschichten die Agenten der Großmacht "Brutopia" auf, deren Augenbrauen mindestens so buschig sind wie die Krägen ihrer Pelzjacken; sie streiten sich mit Uncle Scrooge um das neue Element "Bombastium". Nach der Sueskrise 1956 bohrt Scrooge McDuck nach Öl im Nahen Osten. 1960 werden die Ducks in einen Waffenschmuggel für die Revolution in "Bananador" verwickelt; der brutopische Agent hat einen Bart wie Castro. 1964 kommen immer mehr GIs nach Vietnam, während der harmlose U. S. Länder namens "Nord-Malaria" und "Siambodia" ruiniert, um am Ende stets wertvolle Kulturgüter mit nach Hause zu nehmen. Onkel Dagoberts Abenteuer in fernen Ländern spielen sich ungefähr so ab: "Er fährt los, rafft an sich, was es zu holen gibt, und kehrt nach Entenhausen zurück." Schreibt David Kunzle. Die Abenteuer hätten den "Charakter paramilitärischer Operationen", und U. S. habe ein entenverachtendes Verhältnis zur Dritten Welt. Den "Schatz des Marco Polo" von 1966 illustriert Carl Barks derart kriegerisch, daß der Disney-Konzern die Wiederveröffentlichung heute nur in zensierter Form erlaubt.

Kunzle nimmt die Enten ordentlich zur Brust, stellvertretend für den Kapitalismus, den er, seinem Werk entnimmt man es überdeutlich, für den Quell allen Weltübels hält. Das mag noch angehen. Aber daß auch Barks’ Satire "eher wie ein Humorpflaster" wirke, das die "potentiell verführerische Droge noch verführerischer" mache – man mag es nicht lesen. Kunzles Urteil ist unerbittlich: "Die Duck-Familie ist in Disneys Menagerie offensichtlich die überlegene Rasse, moralisch und biologisch am besten ausgestattet, die Weltherrschaft zu übernehmen. Niemand ist so weiß und mächtig wie sie." Schluck. Donald-Duck-Sammlung billig abzugeben.