Der Titel täuscht ebenso wie das Cover, das drei Fischer vor einem Berg im Dunst der Morgendämmerung zeigt. Auch wenn Minako Oba die Worte "Träume fischen", den deutschen Titel ihres 1982 erschienenen Romans "Katachi mo naku", für ihre Autogramme benutzt und eine filigrane Erklärung dazu abgibt - ihr Buch ist alles andere als ein erlesenes Werk östlichen Tiefsinns oder prunkvoller Entsagung. "Träume fischen" ist im Gegenteil ein geradezu tollkühner, fast grausam wacher Roman über die Abgründe der Liebe und die Mechanismen des Betrugs. Die alternde Mayuko hält, aus einem Alptraum aufgeschreckt, Rückschau auf ihr Leben, während der Morgen heraufzieht und ihr Gefährte und Nachbar Haku sich im Bett neben ihr rekelt. Im Gespräch mit Haku, in Träumen und Erinnerungen, in einem mythologischen und zwei historischen Modellen, in Betrachtungen und Phantasien forscht Mayuko den besonderen Beziehungskonstellationen ihres Lebens nach. Ein Schock hat diesem Leben die entscheidende Wende gegeben und artikuliert sich im Alptraum noch einmal: der Tod ihres Mannes, der einen Betrug enthüllte.

Mayukos Mann starb in einem Bus, der die Gäste von einem Badehotel in den Bergen nach Hause bringen sollte. Mayukos Mann hatte behauptet, auf Geschäftsreise gehen zu müssen. Mit ihm stirbt Hakus Ehefrau, die angeblich gerade ihre Eltern besuchte.

Jetzt, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre später, Mayuko und Haku sind schon lange ein Paar, erkennen sie, daß die Ehepartner nur schneller waren als sie selber: "Noch als die beiden lebten, habe ich geträumt, mit dir die Ehe zu brechen", verrät Mayuko dem Geliebten. Aber sie bedauert nicht nur, daß ihr nachträglicher Ehebruch erst möglich wurde, als Haku eines Nachts nach dem Tod seiner Frau zu ihr ins Haus kommt und sie sich schweigend im Mondlicht lieben, sie hat ihren Mann schon zu seinen Lebzeiten und eigentlich auch Haku betrogen: mit Hakus Bruder Ton. Und hier kehrt die Geschichte - sie wird in 25 Kapiteln unter ständigem, bewußtem Bruch der Chronologie erzählt und verlangt die ganze Aufmerksamkeit des Lesers - an den Anfang zurück. In ihrer Kindheit hat Mayuko mit den Nachbarbrüdern Ton und Haku oft eine Episode aus der Mythologie nachgespielt. Auf unterschwellige Weise hat dies das Leben der Brüder und auch Mayukos determiniert.

Die kindliche Menage ä trois, ein deutlich sexuell gefärbtes Macht- und Abhängigkeitsgefüge, bleibt wirksam, auch wenn Mayuko am Ende weder Haku noch Ton heiratet. Die Ehefrauen und Ehemänner werden in diesen erotischen Kokon mit eingesponnen. Haku etwa gesteht Mayuko irgendwann, daß er seine Frau geradezu zum Betrug angestiftet und sich ausgemalt hat, wie sie Mayukos Mann später einmal erpressen würde, worauf Mayuko sich vorstellt, "wie interessant dies gewesen wäre".

Auch die beiden Episoden aus Japans Historie, die Haku und Mayuko sich erzählen, variieren die Frage, wie ein erotischer Konkurrenzkampf unter Brüdern durch geschicktes Verhalten der Beteiligten so arrangiert werden kann, daß alle ohne Zerwürfnis und Blutvergießen in den vollen Genuß ihrer Liebe kommen.

Höhepunkt von "Träume fischen" ist die wie ein Roman im Roman eingeschobene Erzählung "Die Glöckchengrille". Haku, der Schriftsteller ist, schreibt sie für Mayuko, nachdem sie ihm ein paar Andeutungen über seinen Bruder Ton gemacht hat.

Die Erzählung Schilden aus der Perspektive einer Frau, wie sie ihren Mann kurz vor der Feier einer silbernen Hochzeit mit einem seiner alten Freunde betrügt: "Ich war mir bewußt, daß mein Po in der übereinandergeschlagenen gestickten Unterwäsche und dem Taftsaum wie eine große Pfirsichfrucht offen dalag. Schade, daß der Pfirsich nicht in dem Spiegel vor mir zu sehen war Zuletzt führt ihr der Mann, ein erfahrener Connaisseur, "noch eine selbst erdachte Vorrichtung, die mich stimulieren sollte", ein, mit der sie sich bis zur Ohnmacht erregt.