Wie soll das heißen? Tokio? Sind Sie sicher? Nicht vielleicht: Tokyo? Oder lieber: Tokyo? Oder gar: Tokyo? So steht es zwar im Duden: Tokio. Aber nicht in den Romanen und Erzählungen aus Japan. Da seien die Fachleute und Übersetzer vor!

Wir kennen ähnliches von der russischen Literatur. Sie erinnern sich? Ein Übersetzer bestimmte, es dürfe fortan nicht mehr Tschechow, es müsse partout Cechov heißen (Sie hören doch den Unterschied?), und brav ruckten wir die Bücher an eine andere Stelle unserer Bibliothek. Ein heikles Feld, ich will mich nicht in alte Händel einlassen. Tolstoi oder Tolstoj, Dostojewski oder Dostojewski) ? Als Laie wünschte ich mir doch ein wenig Kontinuität. Zumal wenn ein zusätzliches Zeichen an meiner Aussprache nichts ändert. Ich würde dann doch lieber bei der schlichten, der eingeführten Form bleiben.

Nun also die Japanologen. Sie haben freilich ein Argument für sich: Mit einigen wenigen Ausspracheregeln (man muß sie nur kennen) läßt sich der phonetische Teil der japanischen Sprache mit unserem Alphabet recht gut wiedergeben "J" etwa wird "dsch" gesprochen, während "y" nun wieder - ein bißchen kompliziert soll es schon sein! - wie ein deutsches "J" klingen soll. Der Vorname des hierzulande leider noch kaum bekannten Schriftstellers Akiyuki Nosaka lautet also Akijukt; der japanische Namensbestandteil seiner Übersetzerin ins Deutsche, Irmela Hijiya Kirschnereit, spricht sich entsprechend: Hidschija. Wenn mans weiß, machts keine Schwierigkeit.

Aber - ein ganz neues Problem - in welcher Form taucht Akiyuki Nosaka in ihrem vorzüglichen Essayband "Was heißt: Japanische Literatur verstehen?" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Akiyuki. Wie nun das? Weil die Fachleute wieder einmal so schrecklich genau sind; Irmela HijiyaKirschnereit, Japanologin von der Universität Trier, folgt hier der japanischen Wortstellung: erst der Nachname, dann der Vorname.

Ebenso verfahren Siegfried Schaarschmidt und Michiko Mae in ihrem Lexikon "Japanische Literatur der Gegenwart" (Hanser Verlag, München da sie den Hauptnamen in Versalien drucken und wir solche Umstellung in einem Lexikon (wenn auch mit einem trennenden Komma zwischen beiden Namen) ohnehin gewohnt sind; ebenso verfährt auch das Übersetzerteam in der voluminösen "Geschichte der japanischen Literatur" des japanischen Literaturwissenschaftlers Shuichi Kato Beide Bucher, nebenbei gesagt, sehr hilfreiche, gut lesbare, beeindruckende Nachschlagewerke. Aber vielleicht können die deutschen Verlage einmal mit sich zu Rate gehen, wie sie es denn nun halten wollen: Muß wirklich die Erzählerin Minako Oba (Vor- und Zuname) als Oba Minako auf dem Buchumschlag erscheinen? Im Insel Verlag hat man sich die japanologische Variante zu eigen gemacht - der Suhrkamp Verlag hingegen präsentiert etwa den Schriftsteller Kenzaburo Oe (der während der Buchmesse mit Gunter Grass diskutieren wird) im Titel von dessen Roman "Eine persönliche Erfahrung" in der uns gewohnten Reihenfolge.

Viele Titel aus der japanischen Gegenwartsliteratur sind zur Buchmesse in deutscher Sprache erschienen - und zwar aus der Originalsprache übersetzt, was zu begrüßen ist und früher nicht selbstverständlich war: Manch japanischer Roman wurde einfach von einer englischen Übersetzung ins Deutsche weiterübertragen. Da ist einiges wiedergutzumachen. Aber bitte mit Tokio, nicht gar zu japanologisch vhg.