Von Marion Gräfin Dönhoff

Eine neue Epoche ist angebrochen. Nicht eine neue Phase, wie schon oft während der letzten Jahrzehnte, in denen es immer wieder einmal Ansätze zur Entspannung gegeben hat. Diesmal ist es ein von Grund auf neues Muster, an dem der Weltgeist webt.

"Politik der Stärke", das war die Zauberformel, die seit den fünfziger Jahren gläubig beschworen, mit martialischen Feindbildern begründet und durch steigende Rüstung in praktische Politik umgesetzt wurde. Sie bestimmte das Bewußtsein der Regierenden und damit das Schicksal der Menschen in beiden Teilen der Welt.

Das amerikanische Vertrauen in militärische Machtpolitik hätte schon nach der Niederlage in Vietnam in Frage gestellt werden müssen, aber das Pentagon hielt weiter an seinem Irrglauben fest. Die Russen sahen dann später in Afghanistan ein, daß der Verlaß auf die Politik der Stärke zum Scheitern verdammt war. Wozu also, so mögen sich beide gefragt haben, diese aufwendige Politik, wenn es doch weder Sieger noch Besiegte gibt? Daß schließlich auch wegen der enormen Belastung, die jener Aufwand insbesondere für die östliche Wirtschaft bedeutete, das System des Kommunismus zusammenbrach, hat jener Zäsur den Stempel des Endgültigen aufgedrückt.

Einer der ersten im Westen, die diese seit Gorbatschows Machtübernahme sich abzeichnende neue welthistorische Situation erkannten und ernst nahmen, ist Hans-Dietrich Genscher. Er war schon 1970 als Innenminister für Brandts Ostpolitik eingetreten, übrigens stets bei gleichzeitiger Beschwörung, an der Westpolitik festzuhalten. Mit aller Energie hat er seit eh und je die Europa-Politik vorangetrieben; schon 1981 entwarf er zusammen mit seinem italienischen Kollegen Colombo die Grundlage für die neue Europa-Phase, die nun 1993 beginnen wird. Seit Helmut Schmidt ihn 1974 zum Außenminister machte, waren Entspannung und Sicherheit Genschers erklärte Ziele.

Das "Neue Denken" Gorbatschows hat Bonns Außenminister schon ernst genommen, als die Abrüstungsvorschläge des sowjetischen Generalsekretärs im US-Verteidigungsministerium noch als Täuschungsmanöver abgetan wurden. Im Februar 1987 sagte er vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos: "Kühne, weit in die Zukunft schauende Entscheidungen sind auch im Ost-West-Verhältnis gefordert. Der Westen muß eine gemeinsame politische Antwort auf das geben, was Generalsekretär Gorbatschow das Neue Denken, die neue Politik der Sowjetunion nennt. Die Ost-West-Beziehungen müssen zukunftsfähig gestaltet werden."

Auf die Vorschläge der Sowjetunion im April 1987, Verhandlungen über atomare Kurzstreckenraketen aufzunehmen, signalisierte Genscher in überzeugender Weise Verhandlungsbereitschaft und betonte den Willen zur Abrüstung, während Verteidigungsminister Wörner weiterhin den gewaltigen militärischen Aufbau der Sowjetunion beschwor, der auch unter Gorbatschow weitergehe, und die andauernde "Invasionsfähigkeit des Warschauer Pakts" in grellen Farben an die Wand malte. In Amerika hat Marlin Fitzwater, der Sprecher des Weißen Hauses, sogar noch im Mai 1989 Michail Gorbatschow abschätzend als "drugstore cowboy" bezeichnet: "All talk and no delivery." – Viel Gerede – keine Taten.