Von Judith Reicherzer

Jochen Rahnke ist gelinkt worden. In Kassel hat er einen Opel Rekord gekauft, elf Jahre alt, "ein prima Wagen". Doch dann, zu Hause in Halle an der Saale, kam das böse Erwachen. Ohne TÜV kein Nummernschild, sagte der Mann von der Zulassungsstelle, "und den TÜV-Stempel gibt Ihnen bei diesem Auto keiner mehr". Da hat dann auch Jochen Rahnke gemerkt, daß der neue Opel schrottreif war. "Ich weiß nicht mehr, was mich in Kassel geritten hat", gesteht der junge Mann. Seine Ersparnisse hat er jedenfalls verloren.

In seiner Not hat sich Rahnke an die Verbraucherzentrale in Halle gewandt. Doch die kann ihm auch nicht helfen. "Typisch, der totale Blackout bei der Aussicht auf ’nen West-Wagen", sagt Dieter Müller. Der Fall Rahnke ist für den Verbraucherberater inzwischen Routine. "Die Leute lassen sich über den Tisch ziehen – und wir sollen nachher für sie die Kastanien aus dem Feuer holen."

Bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern gelten die Verbraucherschützer in Leipzig, Dresden oder Halle inzwischen als die Rächer der Geneppten. Im Frühjahr sind die ersten Beratungsbüros in der DDR entstanden und wurden schnell zu Anlaufstellen für alle, die auf dem Weg zur Marktwirtschaft stolpern: über das Schrottauto, den defekten Videorecorder vom fliegenden Händler oder die Zeitschriftenabos der Drückerkolonne. Allein bei der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt in Halle gehen täglich zwanzig Briefe ein, das Telephon klingelt unaufhörlich, und bei der persönlichen Beratung zweimal wöchentlich stehen die Leute stundenlang Schlange. Auch die Verbraucherzentralen der anderen künftigen Bundesländer werden regelrecht überrannt.

Die Probleme sind überall die gleichen. "Am Anfang waren die fliegenden Händler Hauptthema. Zur Zeit liegen die Kaffeefahrten – neben den Autos – auf Platz eins der Klageliste", sagt Klaus Tittmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Etwa ein Drittel der Beschwerden bezögen sich auf die Ausflüge mit "Werbeverkaufsveranstaltung". Der absolute Renner dabei sind Betten aus Lama-Haar oder Merino-Wolle, die in der DDR vor der Maueröffnung nicht zu bekommen waren. Vor allem ältere Leute greifen zu – und zahlen meist für schlechte Qualität einen viel zu hohen Preis. "Eine Kollegin heißt bei uns schon das Lama, weil die fast ausschließlich Betten-Fälle bearbeitet", sagt Tittmann. Drei dicke Ordner mit Hilferufen hat die Beraterin schon gesammelt: "Helfen Sie uns, da wir schon älter sind und nicht mehr weiterwissen, wir sind durch unsere Unterschrift in eine Falle getappt", schreibt ein Rentnerehepaar. Die beiden können die bestellten Betten nicht bezahlen. "Das typische Problem", weiß Klaus Tittmann, "plötzlich verpflichtet die Unterschrift unter einem Vertrag, das muß erst in die Köpfe rein."

Noch sind jene Bürger, die sich auf solche Art finanziell ruiniert haben, Ausnahmen. Die Verbraucher aus dem Osten Deutschlands "verschulden sich in aller Regel sehr vorsichtig und preisbewußt", sagt Geschäftsführer Wolf gang Löbbecke vom Bonner Bankenfachverband. Noch. Denn "bereits jetzt wird deutlich, daß eine Welle von Kreditproblemen auf die Zentralen zurollen wird", glaubt Bernd Brockhoff von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände in Bonn. Wer arbeitslos werde, komme auch bei geringen Ratenzahlungen für das neue Auto in enorme Schwierigkeiten.

Mit der Beratung in Finanz- oder Versicherungsfragen aber haben die Verbraucherschützer ihre liebe Not. Ihnen fehlen Fachwissen und Marktüberblick. "Bei manchen Angeboten können wir nur vermuten, daß es sich um Schwindel handelt", meint Klaus Tittmann. Was soll er davon halten, wenn eine Firma fordert: "Verlangen Sie den Anteil am volkseigenen Vermögen, der Ihnen nach Ihren vierzigjährigen Leistungen wirklich zusteht." Sie verspricht, Bürgern der ehemaligen DDR dabei zu helfen – nicht ganz uneigennützig: Die Firma will Eigentum aus staatlicher Hand erwerben, ihre Kunden aber müssen zunächst Aktien des Unternehmens kaufen. "Finger weg", rät Tittmann: "Vorsicht ist besser als Nachsicht." Den gleichen Tip gibt Berater Müller einer jungen Familie in Sachen Lebensversicherung: "Informieren Sie sich gründlich." Mehr kann er auch nicht raten, "wir sind doch nur die Einäugigen unter den Blinden".