ARD, 23., 26. und 29. September: "Mit den Clowns kamen die Tränen"

Soll man Filmen einen Bonus gönnen, wenn sie ein "heißes Eisen" anpacken? Nee. Entweder ein Film bringt seine Story rüber, sei die heikel oder nicht, dann braucht er keinen Bonus, oder er vergeigt die Geschichte, und dann ist’s um so schlimmer, wenn mit dem Publikum auch das heiße Eisen leidet. Wem ist damit gedient, daß die Gentechnologie seit dem Simmel-Film "Mit den Clowns kamen die Tränen" wie ein multinationalmafioser Chemo-Zirkus aussieht, in dem die Eggheads fachidiotisch, die Bullen machtlos und die Killer die einzigen sind, die wissen, was sie tun?

Nicht einmal die Tatsache, daß Genforschung eine so aparte Blondine wie die Journalistin Norma Desmond (Sunnyi Melles) auf den Plan ruft, versöhnt mit dem krausen Stoff, denn die schöne Hauptperson begleitet nach dem ersten Teil eine zunehmend schleppende und schusselige Handlung nur noch als Statistin, was wörtlich zu nehmen ist. Sie steht, wenn sie nicht ein paar Schritte einherwankt, in der Gegend herum und sagt: "Leider sind Forscher auch nicht besser als andere Menschen." Neben ihr stinkt das heiße Eisen vor sich hin, die Gentechniker begreifen zu spät, was sie angerichtet haben: "Dieses Spiel wird von ganz anderen Leuten gespielt", die Polizei macht die üblichen Fehler und verhaftet den Falschen, und die Killer tun ihren einsamen Job. Nein, dafür soll es keinen Bonus geben.

Das war nicht mehr als ein mißratener Thriller mit Längen, prätentiösen Sentenzen: "Wo sind die Grenzen des Machbaren? Die Frage drängt sich auf", und pseudospannenden Verwicklungen, deren Lösung ausblieb. Statt eines Virus hätte genausogut eine Weltverschwörung fanatischer Sektierer die Hintergrundgefahr abgeben können, es hätte keinen Unterschied gemacht. Die Ordnungshüter hätten danebengegriffen, die Killer getroffen und die rehäugig herumstehende Norma Desmond den Karren auch nicht flottgekriegt. Die Grenzen des Machbaren waren hier entschieden unterschritten.

Zur weiblichen Hauptfigur noch ein paar Worte: Warum bringen es deutsche Autoren so selten fertig, in eine Krimihandlung ein Weibsbild hineinzustellen, das nicht vom Schicksal geschlagen ist und seine Präsenz in einer Welt der Gefahr mit einem vorausgegangenen Martyrium rechtfertigen muß? Die Desmond ist Journalistin und als solche an der Aufklärung dunkler Schweinereien interessiert. Das hätte ihre Neugier an dem Massaker im Zirkus ausreichend begründet. Aber nein, sie muß ihren Sohn verlieren und der Handlung als schmerzgebeutelte Rächerin beitreten – statt schlicht (wie beispielsweise einst Jane Fonda in dem hervorragenden Film "China Syndrom") als Aufklärerin.

So bleiben deutsche Krimi-Frauen und auch ihre Darstellerinnen häufig von jener Aura des Klageweibs umwölkt, die gar nicht mehr in unser Zeitalter der Emanzipation paßt. Was hat Sunnyi Melles für einen wundervollen Mund, wie gern hätte man den mal lachen gesehen. Aber nix. Glücklicherweise rauchte Norma Desmond wenigstens, und so gab’s in dem Film doch ein paar wirklich schöne Augenblicke: wenn die Flamme vor der Zigarette kleine Glanzzungen über den Heckenrosenteint der Melles lecken ließ.

Barbara Sichtermann