Jörg Senße ist Existenzgründer. Genauer: Er ist ein Ex-Existenzgründer. Der dreißigjährige Maschinenbauingenieur zählte zu den ersten, die in der DDR die neuen Möglichkeiten nutzen wollten. Mit seinen zwei Brüdern beschloß er schon um die Jahreswende, einen Kraftmaschinenhandel zu eröffnen. Das Know-how war vorhanden, Kontakte fand der Berliner in der Fachgruppe Existenzgründer beim Bund der Selbständigen (BDS); das Eigenkapital hätte für einen Betrieb auf DDR-Niveau gereicht – allerdings fehlte noch ein Gewerberaum.

Doch dann kam alles anders. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion öffnete sich Ostdeutschland der internationalen Konkurrenz. Die Brüder Senße sahen ein, daß sie mit alter DDR-Technik keine Chance hätten, sich am Markt zu behaupten. Daraus zogen sie die Konsequenz: Wir müssen investieren und unseren Einsatz vervielfachen – wir müßten uns verschulden. Die Kredite aber sind schwer zu bekommen, denn Sicherheiten fehlen. Ein eigener Gewerberaum wäre eine solche Sicherheit, und der Ministerrat der DDR hat den Klein- und Mittelbetrieben dafür auch ein Vorkaufsrecht zu alten DDR-Preisen eingeräumt. Der Haken daran aber ist, daß der Marktwert dieser Räume nach dem 31. Dezember 1990 neu berechnet wird. Dann dürfen die Eigentümer – meist die Kommunen – nachfordern. "Und spätestens dann bricht die Kreditkonstruktion zusammen", glaubt Jörg Senße. Seine Konsequenz: Das Projekt Selbständigkeit ist abgeblasen – er sucht jetzt einen Job bei Westunternehmen.

Sich selbständig machen – das ist namentlich wegen der steigenden Arbeitslosigkeit eine Verlockung für viele DDR-Bürger. Von den Selbständigen, dem vielbeschworenen "Mittelstand", erhoffen sich auch viele Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann oder Lothar de Maizière den wirtschaftlichen Aufschwung. Eine halbe Million neue Arbeitsplätze soll bis zur Jahreswende in Klein- und Mittelbetrieben entstehen. 100 000 Existenzgründer sind im ersten Halbjahr 1990 auf den Plan getreten, rund 9000 davon in Ost-Berlin.

Allein das Gewerbe- und Wirtschaftsamt beim Rat des Stadtbezirks Friedrichshain zählte bislang tausend neue Unternehmen: 32 Reisebüros, 204 reisende Händler, zahlreiche Imbißstuben; aber nur ein Bäcker, ein Fleischer und sehr wenige Handwerker stehen auf der Liste der Neugründungen. "Die Verteilungsfunktionen sind deutlich überrepräsentiert", räumt Peter Hilleker ein, der stellvertretende Leiter des Wirtschaftsamtes. "Aber die arbeitsplatzintensiven Betriebe des Handwerks und des produzierenden Gewerbes entstehen nur zögerlich."

Kein Wunder, denn die Handwerker brauchen Werkstätten, und die sind rar. "Viele der Existenzgründer in Friedrichshain betreiben ihr Geschäft vom Wohnzimmer aus", weiß Hilleker. Das mag für Händler angehen, nicht aber für Schlosser. Der Wirtschaftsmagistrat der Stadt ist deshalb bemüht, Gewerberaum für die Gründer zu finden. Tausend fehlbelegte Objekte wurden requiriert, 280 davon bisher vergebens. Das reicht aber noch lange nicht.

Zudem müssen produzierende Betriebe eine Menge Geld für Maschinen investieren. Viele scheuen dieses Risiko, andere haben kaum Chancen, einen Kredit zu bekommen. ERP-Kredite oder Investitionskredite der Deutschen Ausgleichsbank gab es bislang nur, wenn sie mit einem normalen Bankkredit gekoppelt waren; und längst nicht jeder Antragsteller passiert die strenge Prüfung bei einer Geschäftsbank. Nur bei Aussicht auf baldige Profite geben die Kreditinstitute Geld her. Wer aber eine wirklich gute Idee hat, muß nicht unbedingt Sicherheiten mitbringen, beteuert Heinrich Wissmann, Leiter des Privatkundengeschäfts bei der Deutschen Bank am Alexanderplatz.

Hoffnungen setzen die Existenzgründer nun in die Westberliner Bürgschaftsbank für kleine und mittlere Betriebe. Die Genossenschaftsbank will künftig auch im Ostteil der Stadt Existenzgründern direkt sogenannte Gründungszulagen anbieten. Damit kann Eigenkapital ersetzt werden, allerdings müssen die Gründer eine strenge Verwendungskontrolle in Kauf nehmen.