Als 1959 nicht Giuseppe Ungaretti es gewesen, der die italienische Poesie sowohl vom akademischen Klassizismus eines Carducci (der 1906 nobelpreisgekrönt wurde) wie vom imperialen Pomp und rhetorischen Schwulst eines dAnnunzio befreit hatte und damit nicht nur zum eigentlichen Erwecker der modernen italienischen Poesie, sondern zu einem der Gesetzgeber und zu einem der "Leuchttürme" der modernen Poesie überhaupt geworden war.

Daß sich im Nachkriegsdeutschland zuerst die beiden bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker, Paul Celan und Ingeborg Bachmann, für Ungaretti einsetzten, war ein Glücksfall, aber auch eine schwere Hypothek für alle späteren UngarettiÜbersetzer. 1961 legte Ingeborg Bachmann in der Bibliothek Suhrkamp eine von ihr übertragene Ungaretti Auswahl von 53 Gedichten vor, bei der sie sich im wesentlichen auf den frühen und mittleren Ungaretti der Gedichtzyklen "LAllegria" (1914 1919) und "Sentimento del Tempo" (1919 1935) beschränkte. 1968 ergänzte Paul Celan dieses Ungaretti Bild dann durch Übertragungen aus den späteren Zyklen "La Terra promessa" (1950) und "II Taccuino del vecchio" (1969), die im Insel Verlag erschienen.

Sieht man von dem ebenfalls in den sechziger Jahren in der Bibliothek Suhrkamp verlegten und von Silvia Hildesheimer übersetzten Band "Reisebilder" ab, hatte sich das Interesse deutscher Verlage an Ungaretti damit für lange Zeit erschöpft. Erst zum 100. Geburtstag des Dichters, 1988, erschien, diesmal bei Piper, wieder eine - die bisher umfangreichste - Ungaretti Auswahl, die Michael Marschall von Bieberstein besorgte, dessen Übertragungen den Vergleich mit denen Ingeborg Bachmanns und Paul Celans aber nicht allzu gut bestanden. Jetzt endlich ist ein neuer Versuch, Ungaretti im Deutschen einzubürgern, anzuzeigen: Bevor noch der Münchner Peter KirchheimVerlag seine angekündigte Ungaretti Ausgabe sämtlicher Werke starten konnte, legt der Hanser Verlag in seiner für Entdeckungen und Wiederentdeckungen bereits berühmten Edition Akzente erstmals eine vollständige Übertragung des frühen "LAllegria" Zyklus vor; der Übersetzer ist Hanno Helbling, Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, der früher schon einmal einen Band Gedichte von Eugenio Montale, Ungarettis großem Gegenspieler, für die Edition Akzente übertragen hat.

Liest man heute die Verse aus "LAllegria", kann man kaum mehr nachvollziehen, daß sie bei vielen Lesern nach ihrem ersten Erscheinen am Ende des Ersten Weltkriegs eine Art Schock auslösten, als dunkel und hermetisch empfunden, ja von Benedetto Croce, dem Literaturpapst jener Zeit, als non poesia, als eine Poesie, die "nur aus dem Intellekt" komme, verworfen wurden. Ist ein einfacheres Gedicht als etwa das "Last" überschriebene aus "LAllegria" denkbar:

Dort der Bauer verläßt sich auf die Medaille des heiligen Anton, und leicht geht er hin.

Sie aber, ziemlich allein, ziemlich nackt, ohne ein Trugbild trage ich sie, meine Seele, Was ist daran dunkel, was hermetisch? Oder das Gedicht "Schlafen":

Gleichtun möchte ich es diesem Dorf, wie es daliegt, eingehüllt in sein Hemd aus Schnee, Ein Gedicht, das nur aus dem Intellekt kommt? Unsinn. Es bedurfte allerdings auch einer nicht zu geringen intellektuellen Anstrengung, um in einer Zeit, in der Poesie und Pathos nahezu Synonyme waren, eine solche Einfachheit zu wagen. Und es bedurfte geradezu eines neuen ethischen Bewußtseins, einer neuen Existenzerfahrung, um sich so einfach zu fühlen - man könnte auch sagen: um sich so entblößt, so nackt zu fühlen.