Es gibt eine Form unwillkürlicher Erinnerungsroman herrscht Ordnung. In seinem Gedächtnis, so reflektiert der Erzähler, seien Wörter und Namen "übereinandergestürzt wie Türme und Pfeiler bei einem Erdbeben, und nun liegen sie in meinem Kopf, zugeschüttet die einen, zerbrochen die anderen, und mühsam grabe ich sie wieder aus. Hätte ich nicht immer schon einen Sinn fürs Ordnen gehabt, sie wären vergessen und längst verrottet, diese Wörter wie Meilensteine, die nun, einer nach dem ändern, in die Reihe kommen "

Und wie sauber sie in die Reihe kommen! Gleich zu Beginn beschreibt Harig die Volksschule in seinem Heimatort Sulzbach mit der umständlichen Genauigkeit eines Architekturführers. Und auch die erste Geschichte des Romans folgt einem geometrischen Muster. Bei der Einschulung des kleinen Harig taucht ein fremd wirkender Junge auf. Er wird in einem schwarzen Renault mit Chauffeur zur Schule gebracht, seine elegante Mutter wirft dem Kleinen ein Kußhändchen zu, dann steht er allein vor dem wilhelminischen Kasten und heult und pißt, daß es gar kein Ende nehmen will. Der französische Name, das Auto und vor allem das Kleid mit dem weißen Kragen, das genügt, um Rene zum Außenseiter zu machen. Die deutschen Knaben bilden um ihn einen Kreis und ergötzen sich stumm an dem Schauspiel, sie wissen, daß sie das Opfer gefunden haben, das sie für ihr Gemeinschaftsgefühl brauchen. Ein Kreis, eine Mitte, besetzt mit jemandem, der außen steht. Diese sinnfällige Anordnung eröffnet die Geschichte einer Jugend im Nationalsozialismus, die sich zum Ende hin allzu gelungen rundet, wenn der mittlerweile erwachsene Ludwig Harig beim "Erbfeind", im französischen Lyon, als Lehrer tätig ist, sich mit Franzosen befreundet und schließlich einen Roland mit nach Hause bringt zu seinem Vater, dem alten Frankreichkämpfer, und man eine späte Versöhnung der Nationen zelebriert.

Das ist gut konstruiert, das ist romantechnisch und moralisch wohlgefügt, das geht so glatt auf und wirkt so solide wie all die Backsteinbauwerke, deren diverse Verfugungen der Erzähler immer wieder gern betrachtet und beschreibt. Dazwischen liegt das Unheil, wir wissen es, Chauvinismus und Fremdenhaß, Baidur von Schirach und Hitler, der Krieg und die Judenvernichtung. Harig läßt nichts Wesentliches aus. Er ordnet den Stoff nicht schlicht chronologisch, sondern nach Themen wie unbeschwertes Landleben, Jungvolkerziehung, Religion, Geisteskranke, Juden, Krieg, Gefangenschaft und Flucht. Er zentriert die Themen anhand prägender Sätze, meist Sprüchen, Liedzeilen und Parolen wie "Nix wie hemm", "Wer nicht arbeit, der soll auch nicht essen", "Seines Glaubens leben" oder "Juda verrecke!". Er will zeigen, wie das Sprachgemisch aus Folklore und Propaganda, aus volkstümlicher Überlieferung und nationalistischer Hetze, aus altem Liedgut, Literatur und Bibelsprüchen Hirn und Gemüt eines Jugendlichen prägt, wie es ihn einspinnt in ein unzerreißbares Netz, wie sich die wahnhafte Sprache dem Körper einschreibt "Weh dem, der aus der Reihe tanzt! In meiner Erinnerung kommt es mir vor, als seien es nadelspitze Griffel gewesen, die mir diesen Lehrsatz ins Hirn eingraben hätten "

So war es wohl, so schrecklich. Und dennoch hatte der junge Harig des Romans eine glückliche Jugend. Im Kreis der Familie, in der Ordnung von Schule und Gemeinde, in der Gemeinschaft der Freunde, der Jungvolk Kameraden, immer im Austausch mit der heiteren Natur, ohne größere moralische Katastrophen, ohne bösen Gewissensdruck, ohne tiefe Angst. Immer aufgehoben in einer Ordnung, von der sich nichts Grundsätzlicheres sagen läßt als, daß sie funktionierte. Ludwig Harig erinnert sich nicht an den jungen Mensehen, der er einmal war, er rekonstruiert Szenen mit historischem Aussagewert und stattet sie mit Lokalkolorit und Typen aus. Er beugt sich über Landkarten und alte Photographien, über zeitgenössische Zeitungen, über Geschichtsbücher und Dokumente. Er geht als Erwachsener die alten Wege nach, und er versieht, was er sich so erarbeitet, nachträglich nicht mit Sinn, sondern mit Sinnlichkeit. Alles riecht und schmeckt im Roman, ist bunt und laut und scheint gegenwärtig. Nur die Personen nicht. Sie gewinnen kaum individuelle Züge, sie leben nicht. Auch der Held lebt nicht, von dem wir so viel erfahren. Er ist ein tumber Trommler vor der Nazifahne, er ist, was Sulzbach und die Nazis aus ihm gemacht haben: eine stumpfe Existenz, ein Werkzeug des Regimes. Seine Darstellung ist eine historische Lektion, für Schullesebücher von Nutzen, für einen Roman aber fehlt Entscheidendes: die Innenperspektive dieser und anderer Figuren, ihre Wünsche, ihr Zweifeln, ihr Sehnen.

Das Kind, der Jugendliche, der junge Erwachsene, sie scheinen keine eigenen Gedanken, kein ureigenes Verhältnis zu Eltern, Lehrern, Freunden, kein eigenes Weltgefühl gehabt zu haben, mit einem Behelfswort zusammengefaßt: keine Seele. Das macht aller scheinbaren Objektivität zum Trotz den sinnlich prallen, anekdotenreichen Erinnerungsroman unglaubwürdig.

Besonders deutlich wird dieser Mangel, wenn dem jungen Ludwig vom alten Harig besondere Phantasie, eine gewisse Neigung zum Poetischen zugesprochen wird. Dem dient sogar ein ganzes Kapitel, in dem der Kleine in den Anblick eines weißen Pferdes "mit schwingendem Geschlecht" versinkt und so ein wundervolles Bild tief in sich aufnimmt. Dieses Bild, eine Abwandlung des altehrwürdigen Einhornmotivs, ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Ob ihm etwas Reales je entsprochen hat oder nicht - es wirkt konstruiert wie der ganze Roman. Es wirkt gefälscht.

Und wie soll man verstehen, daß der junge Erwachsene, kaum aus dem Bann der Nazis und des Kriegs getreten, sich in Frankreich als fröhlichweltläufiger Genußmensch gebärdet und keine Spur der totalen Prägung mehr aufweist, die der Roman doch gerade darstellen will? An diesen und anderen Bruchstellen des erzählerischen Ordnungsgefüges geht auch dem wohlwollenden Leser, der die sinnlich vitale Art schätzt, langsam auf, was es bedeutet, wenn der Roman, statt Erinnerung zu sein, Erinnerung konstruiert. Es bedeutet Ordnungsliebe auf Kosten des Lebens, des Lebens eines Romans zumindest. Eine andere Feststellung hat damit vielleicht viel zu tun: Es gibt keine Opfer im Roman. Der kleine Rene zu Beginn bleibt symbolische Ankündigung. Die Geisteskranken, die Juden bleiben gespenstisch verschwommen oder in weiter Ferne. Es gibt keine Opfer, keine, die uns angehen. Um eine leere Mitte herum ist der Roman gebaut. Er ist innen hohl.