Von Martin Lüdke

Ekelhaft, geschmacklos, unerträglich und immer dasselbe. Er schreibt, seit er schreibt, seit gut zehn Jahren, an einem Buch. Er schreibt, vorweg, dafür mit dem Pathos des leidenden Lesers gesagt, um sein Leben.

Josef Winkler, der noch immer junge österreichische Schriftsteller, schreibt aus einer Perspektive, die der seines Landsmannes Peter Handke genau entgegengesetzt ist. Nicht die Schönheit der Schöpfung bestimmt seinen Blick, sondern ihr Grauen und ihr Elend. Er will nicht preisen, er muß – und das zwanghaft – beichten. Er sieht sich als Abschaum und bewegt sich vorzugsweise in einem entsprechenden Milieu: Bahnhofsgegend, Strichjungen, Penner, Fixer. Er phantasiert sich in eine Todeswelt hinein, die abstruser, brutaler kaum vorstellbar ist. Er läuft seiner Kindheit, seiner Jugend hinterher. Seine "Schuld" hat sich in einem Ereignis manifestiert, dessen Bild sein Leben und Schreiben beherrscht und immer beherrschen wird, dem Tod seiner beiden Freunde.

"Am 29. September 1976 steigen in meinem Heimatort K. bei P., Kärnten, der 17jährige Mechanikerlehrling Jakob P. und sein gleichaltriger Freund, der Maurerlehrling Robert L., mit einem drei Meter langen Kalbstrick über eine Holzleiter des Pfarrhofstadls zu einem Trambaum hinauf. Sie schlangen das Seil um ihn und verknoteten die beiden Seilenden hinter ihren linken Ohren. Der Nerv des Stricks zuckte. Ihre Hände flochten sich zu einem Zopf ineinander, immer schneller im Kreis sich drehend wirbelten sie."

So stand es, als Vorspruch, in Winklers erstem Roman "Menschenkind", 1979. Jetzt, elf Jahre später, schreibt er ergänzend, "daß Jakob im bloßen Schlafanzug neben Robert im Pfarrhofstadl am Strick gehangen haben soll". Und er schreibt weiter: "Die Mutter des jungen Selbstmörders, über den ich bis zu meinem Lebensende nicht aufhören werde zu schreiben, soll über mich gesagt haben, ich hasse diesen Menschen, daß ich nicht einmal draufspucken würde, wenn er vor mir läge!" Deshalb wünscht er sich ebenso ernsthaft wie folgerichtig: "Die Dorfleute sollen meinen Kopf vom Körper trennen und ihn, während ihm schwarze Teufelsflügel wachsen, in die Luft schleudern, wo er jahrzehntelang stehenbleiben wird, damit er, so lange das Dorf existiert, als Mahnung und Denkmal über den Häusern schwebt, wie an Theatereingängen Masken mit tragischen Gesichtszügen angebracht sind."

Ausgangspunkt von Winklers Schreiben ist also dieses Ereignis vom September 1979, diese Verschlingung von Tod und Trauer, von Wut und Schuld; das Syndrom einer mißlungenen Schöpfung. Ziel seines Schreibens ist, etwas markig gesagt, jene Schnittstelle, an der sich Naturgeschichte und Theologie berühren. Die Boshaftigkeit des Landlebens, die Verlogenheit der Kirche, der vergebliche Versuch, bei den wirklich Verdammten Erlösung zu finden, sind die Koordinaten, in deren System sich Winkler verstrickt hat. Er will sich (schreibend beichtend) aus der Verstrickung lösen, in die er sich (schreibend blasphemisch-wütend) immer weiter verliert. Aller Trauer wohne der Hang zur Sprachlosigkeit inne, meinte Walter Benjamin einmal: "Das Traurige fühlt sich so durch und durch erkannt vom Unerkennbaren."

Josef Winkler, 1953 in Kamering, Kärnten, geboren, Verfasser von unterdessen sechs recht umfangreichen Büchern, die mit der Gattungsbezeichnung Roman nur aus verkaufstaktischen Gründen versehen sind, schreibt, weil er muß. Therapeutische Gründe spielen sicher eine Rolle. Würde er nicht schreiben, er hätte sich wohl schon umgebracht. ("Ich genieße diesen Zustand der totalen Erschöpfung, der Verzweiflung und Sprachlosigkeit, der Niedergeschlagenheit und Selbstmordlust.") Vermutlich eine Zwangsneurose. Zu den häufigsten Zwängen, heißt es bei Redlich und Freedman (in ihrem berühmten Lehrbuch der Psychiatrie), gehören "blasphemische Zwangsimpulse", mit einem "unmißverständlich aggressiven und analen Charakter". So gesehen wäre, was Winkler schreibt, keine Literatur. Glücklicherweise hat in diesem Sommer ein Klagenfurter Gericht den Kunstcharakter von Winklers Text im Namen des Volkes verkündet, so daß wir diese leidige Frage damit vergessen können.