Von Christian Tenbrock

Das Geräusch der Triebwerke war gerade erst vernehmbar, da sagte er schon, daß sie "seine" seien – die Düsenantriebe aus der Produktion des amerikanischen Industriegiganten General Electric. Als die Boeing 767 dann auf ihrem Steigflug vom Flughafen in Boston über die kleine Ortschaft Swampscott an der Atlanticküste zog, blitzten die braunen Augen, und ein breites Lächeln ging über sein Gesicht. "Hören Sie", sagte er, "Triebwerke von GE."

Wir saßen auf der Terrasse seines Hauses, mit Blick auf den Ozean. Die Jets dröhnten über uns hinweg, während Gerhard Neumann Anekdoten aus seinem Leben erzählte. Der Mann mit dem feinen Gehör für Düsenmotoren gilt als einer der Väter der Jet-Antriebe. Er entwickelte die erste Maschine, die doppelte Schallgeschwindigkeit ermöglichte; und mit einem zivilen Großtriebwerk, eingebaut in Airbus, DC-10 und Jumbo-Jet, wurde General Electric Nummer eins unter den Herstellern von Düsenantrieben – unter Gerhard Neumanns Führung.

Immer wieder fällt das Wort "Glück", oft ist die Rede von harter Arbeit und Disziplin. "Einfach Glück gehabt", meint Neumann, als er die lange Reihe von Auszeichnungen und Urkunden’ zeigt, die seinen Namen tragen: das Kreuz der französischen Ehrenlegion, Ehrendoktorwürde, Aufnahme in die "Luftfahrt-Halle der Berühmten", daneben die drei höchsten Preise, die Amerikas Fliegerei zu vergeben hat. Glück habe sein Leben begleitet, sagt der 73jährige auch, während er durch Stapel von Photos, Briefen und Zeitungsausschnitten blättert. Verblichene Photographien zeigen ihn im chinesischen Kunming, im Dschungel Thailands und auf einer Eisenbahnbrücke über den indischen Ganges. Seine Arbeit, schrieb ihm ein früherer Chef einmal, gehöre zum Besten, was jemals geleistet wurde.

Gerhard Neumann wurde 1917 in Frankfurt an der Oder geboren. Nach einer atemraubenden Karriere, die er als Testingenieur begann, ging er Ende 1979 als Vorgesetzter von 32 000 Mitarbeitern der Düsentriebwerkstochter von General Electric in den Ruhestand: Neumanns Leben ist eine Verkörperung des amerikanischen Traums.

Sein Vater war Bettfedernfabrikant und ein Mann, in dessen Haus Disziplin über alles ging. "Arbeit", erinnert sich Neumann heute, "stand immer an erster Stelle." Mit sechs Jahren bekam der Sohn zu Weihnachten einen Stabilbaukasten, mit neun baute er einen Radiowecker. Mit zehn plünderte er sein Sparschwein für einen Rundflug über Frankfurt, mit sechzehn begann er bei dem Automechaniker "Meister Schroth" eine Lehre. Drei Jahre lang holte sich der Junge aus gutem Hause blutige Hände und schmutzige Fingernägel. Es sei die wichtigste Zeit in seinem Leben gewesen, meint der 73jährige.

1939 fliegt Neumann von Deutschland nach Hongkong. Generalissimus Chiang Kai-shek hatte in der technischen Schule Mittweida, die der junge Geselle Neumann besuchte, um Ingenieure für die Arbeit auf dem chinesischen Festland geworben. Vor Ort muß Neumann feststellen, daß seine chinesischen Arbeitsvermittler spurlos verschwunden sind. Da begegnet er zufällig im Fahrstuhl einem Vizepräsidenten der Luftfahrtgesellschaft Pan Am, der ihm einen Flug nach Kunming in China vermittelt. Dort trifft der Abenteurer auf den Mann, der ihm Mentor und Vorbild wird: den amerikanischen Haudegen und General Claire Lee Chennault, Chef der legendären "Flying Tigers", einer Freiwilligentruppe, die auf der Seite der National-Chinesen gegen Japan kämpft.