Noch kann niemand sagen, ob der deutsche Aktienmarkt wieder Boden unter den Füßen hat. Doch die Kursexplosion vom Wochenbeginn machte deutlich, daß die Anleger nach Wochen der Lethargie nun bereit sind, auch einmal auf positive Nachrichten zu reagieren – so jedenfalls wurden die Friedensbemühungen der Franzosen im Golfkonflikt gewertet.

Beruhigend wirkte außerdem, daß sich der Ölpreis möglicherweise – auf hohem Niveau – stabilisiert. Daneben haben sich die Aussichten auf weltweit sinkende Zinsen verstärkt, eine Reaktion auf die mögliche Budgetkürzung der Vereinigten Staaten, mit der sich das Parlament dort zur Zeit beschäftigt.

Daß der Kursaufschwung vom Wochenbeginn spekulativen Charakter hatte, wird von niemandem bestritten. Englische Broker hatten am Wochenende zuvor am deutschen Aktienmarkt "Leerverkäufe" in der Annahme getätigt, die Abwärtsbewegung würde sich fortsetzen. Nachdem sich dies als Irrtum entpuppte, deckten sich die Anleger überstürzt besonders mit den Aktien ein, die die Engländer bislang bevorzugten: mit blue chips, aber auch mit Mannesmann und Thyssen.

Zudem wurden die Papiere der Großchemie von dem überraschenden Aufschwung erfaßt. Bayer mußte sogar mit Plus angekündigt werden, der Tagesgewinn lag also höher als fünf Prozent. Diese Auszeichnung hat die Bayer-Aktie seit Jahren nicht mehr erlebt.

Erfahrene Börsianer meinen, daß Spekulanten die Gunst der Stunde (oder der leeren Märkte) genutzt und gezielt solche Papiere nach oben katapultiert haben, die den Deutschen Aktienindex (Dax) besonders stark beeinflussen. Dazu gehören Bayer, Siemens, Deutsche Bank und Daimler.

Die ungewöhnlich feste Tendenz konnte sich nur deshalb durchsetzen, weil der keineswegs überwältigenden Nachfrage kaum Angebote gegenüberstanden.

Damit bestätigt sich, daß institutionelle Anleger, Banken und auch deren private Kunden jetzt an ihren Beständen festhalten, auch wenn große Geldinstitute in den letzten Tagen ihre Gewinnschätzungen für 1991 noch einmal nach unten korrigiert haben. Dies sei in den heutigen Kursen bereits berücksichtigt, wird behauptet. Allerdings nicht eine Zuspitzung der Golfkrise. Sollte dort ein Krieg ausbrechen, darin stimmen nahezu alle Börsianer überein, würden die Kurse noch einmal ins Rutschen geraten. K. W.