Von Rudolf Gruber

Wien, im Oktober

Im Industriestädtchen Kapfenberg warten rund 2000 Bürger auf den hohen Gast aus Wien. Die Zeit vertreiben sie sich mit Räsonieren und Raunzen. "Aus, die SPÖ is für mi g’storben!" gibt sich einer unversöhnlich. – "Die Roten san lauter Gauner, dos sog’ i ihm ins G’sicht, wenn er kummt!" meint ein anderer in einem Anfall von Zivilcourage.

Er kommt: Franz Vranitzky, Bundeskanzler und Chef der Sozialistischen Partei Österreichs stürzt sich als Wahlkämpfer ins obersteirische Krisengebiet. Hier mußte die verstaatlichte Industrie Tausende von Arbeitern entlassen, nachdem sich das Land die Subventionierung nicht länger leisten konnte. Bei den vorigen Wahlen 1986 büßte die SPÖ zehn Mandate ein. Am kommenden Sonntag wählt Österreich einen neuen Nationalrat. Diesmal laufen die Sozialisten gar Gefahr, erstmals seit zwanzig Jahren den Spitzenplatz zu verlieren: Derzeit sind sie im 183köpfigen Parlament mit 80, die konservative ÖVP mit 77, die nationalliberale FPÖ mit 18 und die Grünen mit 8 Sitzen vertreten.

Seit Jahren reiht sich in der Alpenrepublik Skandal an Skandal, obwohl die Koalitionsregierung aus Sozialisten und Konservativen keineswegs erfolglos agiert. Den Österreichern geht es so gut wie nie zuvor, die Wirtschaft wuchs 1989 um 4,5 Prozent – der höchste Zuwachs aller OECD-Länder. Aber den Parteien geht es schlecht wie noch nie, namentlich der SPÖ.

Die rund 2000 Stahlarbeiter der inzwischen gesundgeschrumpften Böhler-Werke, die in Kapfenberg Vranitzky alles ins Gesicht sagen wollten, was sie ärgert, ließen ihn ungeschoren wieder ziehen, ohne daß er sich wegen der "Sauereien" in seiner Partei rechtfertigen mußte, die seit Monaten die Republik in Atem halten. "Er ist halt unsere letzte Hoffnung", begründet ein Zuhörer das zahme Verhalten. Denn jederzeit strahlt der Kanzler Sicherheit und Kompetenz aus. Das verfehlt offenbar seine Wirkung nicht.

Besonders der Arbeiterkammer-Skandal ist ein Hauptthema im Wahlkampf. Jörg Haider, Vorsitzender der oppositionellen FPÖ, hatte ihn mit einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ins Rollen gebracht. Alois Rechberger, der in Kapfenberg als kleiner "Betriebskaiser" begonnen hatte und zuletzt steiermärkischer Arbeiterkammerpräsident war, wurde zum Inbegriff des roten Bonzen und Ämtersammlers: Sein Gehalt überstieg das eines Arbeiters um das Fünfundzwanzigfache. Er wollte sich eine Millionen-Pension sichern und fand dafür reichlich Helfer, die er aus Geheim- und Nebenkonten beschenkte, um die eigene Selbstbereicherung zu verschleiern. Rechberger, der ganze Gasthausrunden versorgte, unter den Arbeitern dicke Zigarren mit seinem eingravierten Namen verteilte und einem Arbeitslosen gelegentlich auch "ein paar Tausender" zusteckte, fühlt sich völlig schuldlos.