Von Gabriele Venzky

Delhi, im Oktober

Für Regierungschef Vishwanath Pratap Singh ist es eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, für die Einflußreichen in Indien hingegen geht es um die Macht. Der Kastenkrieg, der seit zwei Wochen den Norden des Landes ins Chaos gestürzt hat, ist nur vordergründig ein Kampf um die begehrten Stellen im öffentlichen Dienst und um die raren Studienplätze auf Colleges und Universitäten. In Wahrheit geht es um eine Umwälzung des bisherigen Gesellschaftssystems in Indien. Der in seinem Idealismus recht realitätsfern wirkende Premier hofft, seinem Volk die Revolution per Gesetz von oben verordnen zu können. Doch lassen sich Gleichheit und Gerechtigkeit per Quote herstellen?

Singhs Ankündigung, er werde künftig zusätzlich zu den schon bestehenden Quoten von 22,5 Prozent für kastenlose Unberührbare und Angehörige der Ureinwohnerstämme des Subkontinents weitere 27 Prozent für die sogenannten "anderen rückständigen Klassen", the other backward classes oder obcs, reservieren, hat Indien die schlimmsten Unruhen seit der Ermordung Indira Gandhis 1984 beschert. Mehr als sechzig Menschen sind bisher getötet worden, Tausende wurden zum Teil schwer verletzt. Mindestens fünfzehn hochkastige Studenten haben aus Protest gegen einen Kommissionsbericht, auf den sich Singh stützt, Selbstmord begangen. Über mehrere Städte wurde eine Ausgangssperre verhängt. In weiten Teilen des Landes mußte die Armee von einer ohnmächtigen Polizei bei der Unterdrückung der Unruhen zu Hilfe gerufen werden. Ganze Straßenzüge liegen in Schutt und Asche, Züge und Busse wurden angesteckt, staatliche Einrichtungen gestürmt und verwüstet.

Zur gleichen Zeit braut sich ein weiteres Bürgerkriegspotential zusammen. Die rechts-chauvinistische Hindu-Partei Bharatiya Janata Party (BJP) hat für den 30. Oktober den Bau eines Tempels am Geburtsort des Gottes Rama in Ayodhiya angekündigt, eben an der Stelle, an der moslemische Eroberer vor vierhundert Jahren eine Moschee als Symbol ihrer Herrschaft errichteten. Neben dem Krieg der Kasten droht damit ein weiterer Krieg in Indien, der der Religionen.

Daß solche Auseinandersetzungen zu wahren Orgien von Gewalt führen, wird in Indien erstaunlicherweise kaum mit den sozialen Verhältnissen in Zusammenhang gebracht. Über Jahrhunderte hat sich immer wieder erwiesen, wie ungeheuer statisch die indischen Gesellschaftsstrukturen sind. Doch dieses Mal ist es keineswegs sicher, daß am Ende der Kämpfe der Status quo ante wieder hergestellt ist.

Wenn man sich einen Überblick über das Ensemble der existentiellen Probleme Indiens verschafft, versteht man, weshalb einige Beobachter gar um den Bestand der Nation fürchten. In Kaschmir und Punjab herrschen weiter Terror und Gegenterror, 8000 Tote sind seit Anfang des Jahres zu beklagen. In Assam wühlt sich mit zunehmendem Zulauf eine separatistische Guerilla-Bewegung durch den Untergrund. In Andhra Pradesh stellt die sozial-anarchistische Bewegung der Naxaliten mit einer Mischung aus blankem Terror und achtungheischendem Robin-Hood-Wesen die Autorität des Staates in Frage. Die Golfkrise wird, trotz der reichen Ernte, zu schweren Turbulenzen in der indischen Wirtschaft führen. Ungehemmt gehen gleichzeitig die Bevölkerungsexplosion und die Zerstörung der Umwelt weiter. Immer mehr Menschen – zur Jahrtausendwende wird es bereits eine Milliarde Inder geben – konkurrieren um die knappen Lebenschancen.