Der Erwählte ist endgültig fertig" – Tagebuch-Notiz vom 25. November 1950 – "der Augenblick wäre gekommen, wo ich, wie schon Mai 43 die Felix Krull-Papiere wieder hervorzog, nur um mich, nach flüchtiger Berührung damit, dann doch dem ‚Faustus‘ zuzuwenden": Ein Werk ist, wieder einmal, getan (oder, wie Thomas Mann zu sagen pflegte, "vollbracht") – aber von Hochstimmung, befriedigter Rückschau und Zuversicht, die von Gelassenheit und Stolz bestimmt ist (voilà, das wär’s), kann keine Rede sein.

Die Arbeit war mühsam, langwierig und zäsurenreich; zumal der Schluß, mit der Erkennungs-Szene zwischen Mutter und Sohn (alias Mann und Frau), erwies sich als schwierig, da der Doppelsinn von "erkennen" Anlaß zu allerhand waghalsigen, weit ins Metaphorische ausufernden Allusionen gab, die (wer weiß?) zwischen klassischer Anagnorisis und geheimer Lust, Wiederbegegnung im Stil der griechischen Tragödie und rekapitulierender Sinnlichkeit, lokalisiert worden wären: Auf jeden Fall war die Eintragung vom 26. Oktober 1950 irrig ("Halb 12 Uhr: Schrieb die letzten Zeilen von ‚Der Erwählte‘ und das Valete"); das Finale, mit dem von der Sünde zum Segen führenden Happy-End des Romans, mußte "bastelnd" neu formuliert werden, der "zarte Begriff" des Erkennens. präziser als zuvor behandelt werden.

Keine Hochstimmung also nach dem berühmten "ich bin fertig"; doch dies war nichts Neues für Thomas Mann: Abschluß (einerlei, ob es sich um die Vollendung einer Arbeit oder um große Politik handelte – die Kapitulation der Deutschen im Mai 1945 zum Beispiel) hieß für den Schriftsteller T. M. nie "dixi, finitum est", sondern: "et nunc?".

Ein altes, ein vertrautes Spiel, dieses Aneinanderfügen von letztem Satz und erster Meditation, von "Lebt wohl" und "Gott zum Gruß".

Und dennoch war’s anders, ganz anders im Herbst 1950 als, dreieinhalb Jahre zuvor, nach der Vollendung des "Faustus": Damals hatte der neue Plan feste Konturen, war, vorbereitend, im Roman durchexerziert worden; die knappe, den "Gesta Romanorum" nachempfundene Geschichte vom seligen Papst Gregor wartete auf detaillierte Explikation – so wie die Tragödie der Höllenfahrt nach dem Satyrspiel, der gottvergnügten Erlösungsgeschichte verlangte. Doch was kam jetzt – welcher Stoff war würdig, Katabasis und Anabasis, Sturz in die Unterwelt und Erhebung auf die von aller Welt verehrte sella apostolica verläßlich fortzuführen, den einmal erhobenen Anspruch, Metaphysik und Jokus miteinander verbinden zu können, gut Hegelsch aufzuheben: zu überwinden, zu bewahren und zu erheben?

Was immer er tat, Thomas Mann – mußte Künftiges nicht weit zurückbleiben hinter dem, im Trauer- und im Lustspiel, selbstgesetzten Ziel? Wo ist der Stoff, so die Überlegung vom 25. November 1950, der dem einmal Geleisteten standhalten könnte: der "Felix Krull" etwa – eine Hochstapler-Geschichte nach der Beschwörung von Hölle und Himmel? "Der Versuch der Wiederanknüpfung muß, rein um Beschäftigung, eine vorhaltende Aufgabe zu gewinnen, gemacht werden. Ich habe sonst nichts; keine Novellen-Ideen, keinen Romangegenstand. ... Das Jugend-Buch ist originell, komisch und mit Recht berühmt. Aber ich blieb stecken, war überdrüssig, auch wohl ratlos, als es weitergehen sollte... Wird es möglich sein, neu anzugreifen? Ist genug Welt und Personal, sind genug Kenntnisse vorhanden? Der homosexuelle Roman interessiert mich nicht zuletzt wegen der Welt- und Reiseerfahrungen, die er bietet. Hat meine Isoliertheit genug Menschen-Erlebnis aufgefangen, daß es zu einem gesellschaftssatirischen Schelmenroman reicht? Alles, was ich weiß, ist, daß ich unbedingt etwas zu tun, eine Arbeitsbindung und Lebensaufgabe haben muß. Ich kann nicht nichts tun. Doch zögere ich, das alte Material wieder vorzunehmen, aus Besorgnis, es möchte mir nach all dem inzwischen Getanen nichts oder nicht mehr genug sagen, und ich möchte gewahr werden, daß mein Werk tatsächlich getan ist."

Also der "Krull" – ein Opus (für Thomas Mann eher ein opusculum), das, zumal nach der Begegnung mit dem Pagen Franzl im Sommer 1950, dem "Abschied von der ganzen geliebten Gattung", gewiß seine Reize hatte und thematisch mancherlei Apartes, vor allem Gelegenheit zu versteckten Selbstbekenntnissen bot: Felix und Madame Houpflé – wie lockend mochte das Inversions-Spiel – zumal vor dem Hintergrund der berühmten Proustschen Vertauschung von Albert und Albertine – für den Rollenspieler Thomas Mann sein ... und doch: zu leicht befunden.