Von Harry Pross

Merkur Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken eröffnet Heft 499 (September 1990) mit einem denkwürdigen Titel: "Die Stimme von Argentiniens Leichen". Der Komparatist Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) legt dar, daß mit historischem Verstehen und politischer Rationalität dem Präsidenten Menem nicht beizukommen sei. Menem wolle vielmehr eine Reinkarnation Peróns wie des 1835 ermordeten Caudillo Quiroga sein. Nun ist der Reinkarnationszwang nicht nur in der Individualpsychologie von Kind-Eltern-Beziehungen bis zum Meister-Schuler-Verhältnis eine soziale Realität, sondern auch in der Politik bis in die Floskeln, Posen und die Schnurrbartspitzen. Da schlupft gar mancher in die Rolle eines Vor-Bildes, das keines sein kann, weil sie einer Konstellation entsprach, die längst sich geändert hat. Die Nachäffer bestarken ganze Volker in dem Wahn, noch sein zu können, was sie früher gewesen zu sein scheinen. Insofern hat Gumbrechts Vorschlag, von "magischer Wiederholung" zu sprechen, guten Grund. Das magische Denken unterscheidet nicht Wahrnehmung und Vorstellung, Wunsch und Erfüllung. Menem sei wunschlos glücklich, verstehen wir den Autor. Das kann er sein, weil er die Vorstellung von seiner Rolle erfüllt sieht.

Aber die anderen? Gumbrechts Essay läßt einen Hauch von Verwesung über der argentinischen Szene riechen. Merkt das dort niemand, wo sie alljährlich den 1935 verbrannten Tango-Sanger Carlos Gardel neu verbrennen? Der kluge Dichter Borges hat sich in der Schweiz beerdigen lassen.

Damit endet der Essay mit einem Fingerzeig auf die religiösen Grundlagen politischer Rollenspiele. Man muß die religiösen Partituren lesen können, will man die politischen Aufführungen verstehen. Nicht nur in Argentinien liegen Leichen im Keller, andere sind ausgestellt, und dritte agieren. Indirekte Hinweise im selben Merkur auf diese Problematik bei Anny Bloch (Straßburg) über eine Deutschlandreise junger Leute, bei dem 29jahrigen Michael Kupfmuller über die Biographie eines alternden Jungen von 1939, Günter Metken über Motivwanderungen des Satyrs, Friedrich Dieckmann über Preussens Verwandlungen, Bohrer über "Ridleys Country" und nicht zuletzt Jochen Schimmangs Nachruf auf den "Leser der Welt" Roland Barthes. Höchst lesenswert "einige Schwierigkeiten beim Vermitteln der musikalischen Wahrheit(en)" (Luca Lombardi); aber hier ausgespart, weil in einen anderen Symbolismus als den Visuellen hinuberfuhrend. Sehen und Hören gehören zusammen, sind aber nie dasselbe.

Die Zürcher Kunstzeitschrift Parkett hat ihre Nummer 24 mit dem Italiener Alighiero e Boetti gemeinsam gestaltet. Er philosophiert mit dem Bild, mal mit Briefmarken, die durch Montage in langen Reihen einen anderen als den gemeinten Sinn ergeben, mal mit Titelseiten der großen Magazine, mal mit leeren Quadraten oder der "angehaltenen Geste des Schreibens". Da sieht man eine lange Zeile in ihrer Logik und die ausgebreiteten Arme des Schreibers, die sie nicht fassen können. Die Beschränktheit der Strecke wird deutlich. Anders die scheinbar unendlichen Möglichkeiten des Ausdrucks in Teppichen, die zu knüpfen Boetti im friedlosen Afghanistan gelernt hat. "Alles fließt"; aber jedes hat seine Strecke – könnte man sagen. Ein großes Gewimmel aller möglichen Flugzeugtypen in tiefem Blau. So etwa geht es zu in der Welt der verdichteten Kommunikationen.

Parkett ist eine Zeitschrift, die immer wieder die oft genug unbewußt politische Dimension der heutigen Kunst dokumentiert. Nichts ist wichtiger für die soziale Orientierung als das Unterscheidenkonnen, denn jede Differenz birgt einen Konflikt. Das wird deutlich in den afghanischen Teppichen mit Kriegsmotiven, die Parkett in einer Umfrage vorstellt. Wer Augen hat für die Kunst, sieht durch sie hindurch den Zustand des Gemeinwesens.

In Nummer 23 der sprachkritischen Zeitschrift KultuRRevolution (Klartext-Verlag, Essen/Ruhr, Juni 1990) heißt der Schwerpunkt: "Zahlen Kurven Symbole. Zum Anteil der Kollektivsymbolik an normalisierenden Zahlenspielen". Jürgen Link, der mit Ulla Link-Heer die Zeitschrift mit großen finanziellen Risiken bisher durchgehalten hat, begründet das Thema mit dem "kulturrevolutionaren Denken". Es besteht seiner Ansicht nach darin, "Schleich- und Fluchtwege zu entdecken bzw. sie sich zu bauen oder zu hauen, auf denen man einer kulturell noch so ‚eisern‘ etablierten Basisopposition ... aus dem Wege gehen kann. Falls das gelingt, ‚sieht‘ man ggf. etwas ‚Neues‘."