Von Herbert Schäfer

Im Gespräch mit nachforschenden Journalisten frohlockte vorige Woche ein Beamter des Bundesumweltministeriums, allerdings "mit Rücksicht auf meinen Posten und auf den Haussegen" anonym: Eigentlich geschehe es der Landesregierung in Wiesbaden ganz recht, daß sie sich jetzt ebenfalls mit dem "Dreckzeug" herumschlagen müsse. Gemeint waren jene 5000 Tonnen Strahlenmolke, die 1986 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Bayern als Nebenprodukt der Käseherstellung aus mit Caesium 137 belasteter Milch angefallen waren.

Hessens heutiger Ministerpräsident und früherer Bundesumweltminister Walter Wallmann (CDU) hatte die in 242 Güterwaggons verstaute Molkefracht im Februar 1987 nach langer Irrfahrt beschlagnahmt und auf militärische Abstellgleise schieben lassen ("Teure Odyssee", DIE ZEIT vom 21. 9. 1990). Dort gammelte sie jahrelang vor sich hin, bis Wallmanns Amtsnachfolger und Parteifreund Klaus Töpfer ihre Entseuchung im Kernkraftwerk Lingen in die Wege leitete. Die Gesamtkosten des Projekts dürften einschließlich Entsorgung des herausgewaschenen Caesiums 137 weit über den bisher vom Bund veranschlagten 69 Millionen Mark liegen.

Nach seinem Abschied von Bonn hatte Wallmann gehofft, für ihn sei das Molkeproblem erledigt. Doch im Juli dieses Jahres holte ihn die Vergangenheit unverhofft ein: Die Vermarktung des inzwischen zwar weitgehend gereinigten, aber mit hundert Becquerel pro Kilogrammm immer noch leicht strahlenden Pulvers als Viehfutter werde zentral aus Hessen gesteuert, und zwar europaweit, ließen norddeutsche Behörden diskret mitteilen. Verantwortlich zeichne die Environova Recycling GmbH, eine kleine Firma im Taunusstädtchen Schlangenbad, nicht weit von der Wiesbadener Staatskanzlei entfernt. Ebenso überraschte den Regierungschef die Nachricht, hessische und bayerische Viehzüchter würden wöchentlich direkt aus Lingen per Tankwagen mit Molke beliefert. Bisher hieß es amtlich, die ungeliebte Ware werde allenfalls in ausländische, nicht in bundesdeutsche Mästereien gekarrt.

Die Alarmmeldungen brachten den hessischen Amtsschimmel allerdings keineswegs auf Trab. Obwohl das Landwirtschaftsministerium und das ihm unterstellte Landesamt für Ernährung in Kassel von der für Lingen zuständigen Bezirksregierung Weser Ems in Oldenburg gebeten wurden, "den Verbleib der Molke zu verfolgen", kreuzten Wiesbadener Abgesandte lediglich einmal – am 27. Juli – bei der Environova zu einer Stippvisite auf. Sie interessierten sich dabei aber weder für die Namen der heimischen Molkeabnehmer, noch führten sie Warenkontrollen durch. Ein derart lasches Vorgehen steht in krassem Widerspruch zu Bonner Ankündigungen, nach denen der Weg des brisanten Stoffs bis zum Futtertrog überwacht werden soll. Den Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, Konrad Graß, läßt dies kalt: "Marktdinge können wir nicht kontrollieren, und das tun wir auch nicht."

Beobachter führen die skandalöse Untätigkeit der Hessen auf deren Verärgerung über Bonn zurück. Töpfer habe Wallmann und dessen Ministerialbürokratie die lästigen Molkekontrollen nur aufgehalst, um für seine 1987 erlittene Schlappe späte Revanche zu nehmen: "Damals, nach seinem Amtsantritt am Rhein, hatte er geplant, das Pulver in der Molkerei Moha, einer finanzschwachen Tochter des Stuttgarter Südmilch Konzerns im hessischen Hungen, entseuchen zu lassen. Doch er blitzte ab: Der Widerstand der örtlichen Bürgerinitiative, mit Rückenwind der Regierung Wallmann, war zu stark. Zähneknirschend verlegte der Minister das Projekt ins niedersächsische Lingen.

Um die auch nach der Caesiumwäsche nur schwer verkäufliche Ware endlich loszuwerden, ließ Töpfer unter der Regie seines Ministerialrates Arnulf Matting ein weitverzweigtes Vertriebssystem aufbauen. Der dabei entstandene Firmenfilz ist für Außenstehende kaum zu durchschauen: Federführend ist die vom Bund auch mit der Lingener Caesiumwäsche betraute Noell GmbH Anlagenbau, die – über ihre firmeneigene Gesellschaft für Aufbereitung und Neuverwertung von Reststoffen mbH in Würzburg – die hessische Environova Recycling GmbH als alleinige Abnehmerin des Molkepulvers verpflichtete. Diese wiederum beauftragt jeweils weitere Firmen im In- und Ausland mit dem Vertrieb.