Dresden scheint auf jene, die sich um die Pflege der delikaten britisch-deutschen Beziehungen bemühen, eine besondere Anziehungskraft auszuüben. Die Königswinterkonferenz will dort im nächsten Jahr tagen; bei den Konservativen im britischen Unterhaus gibt es seit dreieinhalb Jahren eine Gruppe von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern, die sich "Dresdengroup" nennt.

Im Februar 1987 hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung für sie eine DDR-Reise mit dem Ziel arrangiert, ihr Verständnis für die deutsche Problematik zu wecken und zwischen britischen und bundesdeutschen Konservativen nützliche Kontakte herzustellen. Diesmal reiste kurz vor der Wiederherstellung der deutschen Einheit eine britischfranzösische Delegation durch die DDR. Es wurde eine Fahrt in die Vergangenheit eigener Ängste und Vorbehalte. Bei manchem waren sie noch so lebendig wie vor dreieinhalb Jahren, als die erste Begegnung mit der deutschen Realität Reaktionen hervorgerufen hatte, nicht unähnlich jenen, die kürzlich zum jähen Sturz von Minister Nicholas Ridley führten.

In Diskussionen zwischen britischen, französischen und deutschen Konservativen offenbarte sich, wie tief das Mißtrauen gegenüber den Deutschen nach wie vor sitzt. Werden sie sich nicht doch wieder begehrlich nach Osten wenden? Die deutsche Aussage, die Grenzfrage sei endgültig geklärt, und nun müsse man "Europa schaffen, um die Grenzen zu überwinden", hatte gerade für jene Tories, die mit solchen supranationalen Visionen gar nichts anfangen können, einen bedrohlichen Unterton. Habe Kohl nicht verdächtig lange gezögert, bis er sich zur Anerkennung der Ostgrenze durchrang? Und lassen uns die Deutschen, so eine verbreitete Auffassung, nicht in der Golfkrise die Kastanien allein aus dem Feuer holen?

Wie aber soll das Europa aussehen, in dem der ökonomische Riese Deutschland eingebettet ist? Wer in Frankreich und Großbritannien insgeheim auf eine Wiederbelebung der Entente cordiale gemeinsam mit der Sowjetunion hoffte, mußte bald erkennen, daß diese allein schon an den völlig unterschiedlichen Konzepten für ein gemeinsames europäisches Haus scheitern dürfte. Deutsche Christdemokraten und französische Konservative waren sich über einen Beitritt des ehemaligen Ostblocks in die EG einig: Erst vertiefen, dann erweitern, lautete ihre Devise; den neuen osteuropäischen Demokratien müsse zwar geholfen und auf längere Sicht der Beitritt ermöglicht werden; doch schon die Gefahr einer neuen Völkerwanderung von Ost nach West verbiete eine zu schnelle Erweiterung der EG.

Die Auffassungen der Tories spiegeln die tiefen Meinungsverschiedenheiten wider, die der Regierung Thatcher zu Hause und in Europa derzeit soviel Schwierigkeiten bereiten. Die einen fordern die sofortige Ausdehnung der Gemeinschaft auf Länder wie Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn in der Hoffnung, dies könne "Eurokraten" und "zentralisierungsbesessene Sozialisten" stoppen. Die anderen verlangen hingegen ungerührt eine gemeinsame europäische Währung und lassen deutlich durchblicken, daß Europa mehr Integration brauche.

Historische Bezüge gab es auf dieser Reise im Überfluß. In Dresden tagten die Konservativen im "Hotel Dresdner Hof", direkt neben der Ruine der von den Westmächten zerbombten Sophienkirche, und speisten in der Coventry-Suite. Im Potsdamer "Cecilienhof" trafen sie sich in einem jener Räume, in dem die Alliierten sich über Deutschlands Schicksal verständigt hatten.

Die Begegnung mit den gewaltigen Problemen der Einheit förderte das Verständnis für die derzeitige Tendenz der Deutschen zur Nabelschau. Aber, so bemerkte ein französischer Zentrumspolitiker, auf der europäischen Regierungskonferenz in Rom müsse die Regierung Kohl ein klares Signal aussenden und beweisen, daß es ihr nach dem Vollzug der Einheit mit Europa wirklich Ernst ist. Jürgen Krönig