Dies ist offensichtlich das Ende. Alles geht zur Neige und wird Stein: der Mensch, die Geschichte, die Dichtung. Günter Kunert hat auch in seinem neuen Gedichtband "letale Liederlichkeiten" festgeschrieben; ja, er hat sich im Untergang geradezu eingerichtet. Was hier spricht, ist "betroffen von soviel Aussichtslosigkeit", die Bäume sind "zum Sterben verurteilt von meinesgleichen", und auch "wir kehren endgültig heim in Stein".

Die Saiten sind gestimmt, den ganzen Gedichtband lang ist dieser Ton durchgehalten. Im ersten Teil, "Herbstanbruch in Arkadien", werden wir in bukolischen Elegien auf den Exitus vorbereitet. Die Endzeit nimmt die Farben Schleswig Holsteins an; Moore, düsteres Licht, Gewitter. Nach einigen stilistischen Fingerübungen, die kokette Anleihen an die Literaturgeschichte machen oder aus dem ewigen Reservoir der Mythen schöpfen, schließt der vierte Teil "Aus dem Steinreich" das Ganze programmatisch ab. Steingewordene Geschichte ist hier beschworen; die Pyramiden, Ephesus, Milet. Dazwischen die Trümmer unserer Großstädte - Berlin, Rom, London , denen trotz ihres absurden und überdrehten Lebens das gleiche Schicksal bevorsteht.

Diese Lyrik löst Überdruß aus, da sie nicht wirklich verstört. Eine Apokalypse aus dem Lehnsessel: Da versinkt einmal die Sonne hinter dem Horizont, ein romantischer Dämmer umfängt das lyrische Ich, und es sinniert: "Wenn einem doch bloß Zeit bliebe für den langsameren Untergang". Das lyrische Thema im Ansichtskartenformat. Manchmal schimmert es altväterlich, auf Bildungsreisen an die antiken Stätten Griechenlands oder bei der Beschwörung von Atlantis: das Gedicht als "Spätfolge von Untergängen die allein durch Ortsnamen der Unterscheidung sich fügen".

Das Gedicht ist bei Kunert bloß Ornament. Es reflektiert sich nicht selbst, macht den Ort, von dem aus es spricht, nie zum Thema. Das Schreiben findet zwar "Im blinden Auge des Orkans" statt, aber das bleibt eine Behauptung. In der Sprache selbst ist nichts davon aufzuspüren; allzu geschmeidig ergibt sie sich in ihr Schicksal, ohne Irritationen, ohne Dialektik. Das Gedicht versöhnt geradezu mit den Schrecken der Welt. Nicht nur, wenn es einfach schön ist: "es sinkt eine Barke aus Licht heim in die Nacht". Auch, wenn es sich gebrochen und ironisch geben möchte. Wenn Kunert sich ein bißchen Bitternis und Spott bei Heine ausborgt, entsteht nichts als ein Kopfnicken: "sobald dein Mund zuklappt wie der Deckel über Du weißt schon welcher Kiste". Und wenn es um Weihnachten geht, kommt tatsächlich das alte Klischee zum Vorschein: "Trotz allem Licht: Wir bleiben blind: Auf das uns nichts den Appetit verdirbt".

Das Doppelbödige wird in diesem Band nur beansprucht. Lyrik, die sich ein eigenes Terrain erobert und nicht nur Spiegel der jeweiligen Bewußtseinsmoden ist, findet eine eigene Sprache. Die Kunerts aber ist insgeheim voller Einverständnis. Der Untergang wird mehr oder weniger en passant erledigt, im "Einkaufszentrum" oder bei "Alltagungen". Dabei ist sogar am Handwerklichen einiges auszusetzen - verkrampfte Genitivmetaphern ("zu den U Bahnhöfen angsteinladender Einsamkeit") oder recht gewollte Endreime (TristesseDreß).

Das Gedicht "Abendstunde" ist gar bei Wolf Biermann abgeschrieben ("Ballade von den drei Partisanen"): Anderswo werden welche "Bis aufs Geschlecht geschunden", während wir "in unseren Betten versinken". Biermann allerdings meinte damit eine konkrete politische Situation; bei Kunert ist es eine allgemeine Phrase. Aber das scheint der Hauptantrieb dieser Gedichte zu sein. Wenn es etwas genauer benannt werden müßte, wäre das Schreckliche vielleicht gar nicht so wohnlich. B Günter Kunert:

Fremd daheim Gedichte; Hanser Verlag, München 1990; 128 S , 26 - DM