Von Esther Knorr-Anders

Wer vom Massentourismus genug hat, der mache sich auf zum Seeschloß Monrepos in Württemberg. Von Stuttgart aus ist das am nordöstlichen Ufer des Egolsheimer Sees gelegene, ins Märchenhafte entrückt wirkende Schloß in halbstündiger Autofahrt zu erreichen. Man kann aber auch in der einstigen Residenzstadt Ludwigsburg haltmachen und vom dortigen imposanten Barockschloß der württembergischen Herzöge über das Fasanerieschlößchen Favorite nach Monrepos wandern.

Der etwa drei Kilometer lange Weg führt unentwegt durch Gartenlandschaft englischen Stils, durch Alleen und Wälder. Und jeder Kilometer wartet mit Überraschungen romantischen Charakters auf: Rundtempel, künstliche römische Ruinen; graue Götter- und Göttinnenstatuen schauen aus Gemäuernischen, aus Baumlaub.

Beim Seeschloß angekommen, ist die Entscheidung fällig, was man zuerst unternehmen möchte. Viele werden dem in sattem Grün versteckten, unmittelbar in Schloßnähe gelegenen Hotel zustreben, um in piekfeinem Ambiente zu speisen. Wer es rustikal liebt, hält in der wenige Schritte vom Hotel entfernten "Gutsherrenschenke" beim alten Meierhof Einkehr. Andere werden sich beim Anblick des Seeschlosses zunächst eine Betrachtungspause gönnen.

Prompt setzt die Verzauberung ein. Nur das raschelnde Laub dickästiger Baumriesen und das monotone Schwappen des Wassers auf den zum See hinunterführenden Stufen ist zu hören. Boote gleiten heran, ziehen vorüber. Man kann sie mieten, eine der Seeinseln ansteuern und dort im Walddickicht der Einsamkeit oder Zweisamkeit frönen.

Ich schlendere zum Schloßhauptportal zurück, das zur Gartenfront gerichtet liegt. Dreiunddreißig auf den Balustradensockeln postierte mythologische Statuen beobachten mich. Das Portal erreicht man über eine doppelarmige Auffahrtsrampe und über eine Freitreppe, die von zwei grimmigen Löwen bewacht wird. Die überlebensgroßen, ringellockigen Ungetüme sperren in Habacht-Pose den Rachen auf. Das überrascht nicht, denn auf Rampe und Freitreppe, deren Benutzung einst dem Herzog und seinen Gästen vorbehalten war, wimmelt es plötzlich von Kindern. Die Knaben stecken in Samtanzügen, die Mädchen in knöchellangen, flatternden Kleidern. Sie streuen Blumen. Auch die Löwentatzen bekommen ein paar Vergißmeinnicht ab. Rosen- und nelkengeschmückte Autos fahren vor. Monrepos ist beliebtes Hochzeitsschloß. Die Gesellschaftsräume können für die Festlichkeit gemietet werden. Auch anderen Feiern und Zusammenkünften stehen die Räume offen.

Mittlerweile hat sich das Hochzeitspaar aus dem Auto gewunden. Himmel, welcher Anblick! Der Schleier nimmt kein Ende. Da böiger Wind weht, entwickelt die bräutliche Zier gemeine Tücken. Das hält die illustre Gesellschaft nicht ab, sich zum Familienphoto mit Raubtieren zu gruppieren. Fünf Hochzeitspaare nebst Anhang werde ich an diesem Tag bei den Löwen und anschließend bei den fahlleibigen Najaden am See posieren sehen.