Die Angst vor Cholesterin geht um. Endlich haben es auch die Hühner gemerkt: Sie müssen andere Eier legen.

Es gibt Formen, die lassen sich nicht verbessern." Mit diesen Worten tat Volkswagen vor mehr als zwei Jahrzehnten kund, daß sein Auto Weltmeister sei. Zu sehen war ein Ei mit einem aufgemalten Käfer.

Aber in Wahrheit waren die Tage des Käfers schon gezählt. Das bessere ist der Feind des Guten, bald rollten die ersten Golfs vom Band. Und auch Eier hatten eine schwere Zeit vor sich. Den jähen Imageverfall dieses Grundnahrungsmittels aufzuhalten, haben sich Andres und Isabelle Läuppi angeschickt. Die Geflügelproduzenten aus der Nähe von Solothurn in der Schweiz beliefern seit zwei Wochen den Lebensmittelhandel mit Eiern, deren Cholesteringehalt zwischen 25 und 30 Prozent niedriger liegt als bei herkömmlichem Gelege.

Da spüren plötzlich alle mit erhöhten Blutfettwerten Beladenen, wie es in ihren Gefäßen pocht und pulsiert. Längst haben sie Eier zu meiden gelernt wie Fliegen die Leimrute. Cholesterin, das Schreckensalphabet: C wie Chemie im Körper; H wie Herzinfarkt und andere koronare Herzkrankheiten; O – obwohl die Ärzte sich über die Zusammenhänge im einzelnen noch gar nicht einigen können; L wie Lipoproteine, die Eiweißfettverbindungen, von denen besonders die gefährlichen mit geringer Dichte, genannt LDL, uns ihre Teufelsfratze zeigen; E wie "Essen Sie bewußter"; S wie Statistik, die die tödlichen Folgen der falschen Ernährung belegt; T wie tierisches Fett, das in jeder Form auf dem Index steht; E wie Eier, insbesonder das Gelbe davon; R wie Risiko: Über vierzig Prozent aller Deutschen haben Cholesterinspiegel über 200 Milligramm; I wie Internationale Studien können nicht irren; N wie no-no: Das ist rotes Fleisch, Butter, Sahne, Eier, Crème fraiche, kurzum alles, was bislang beim Kochen erst so richtig Spaß gemacht hat.

In Amerika hat ein regelrechter media hype zur Folge, daß die Internisten als Apostel des Überlebens verehrt werden. Schaudernd erinnern sich die Bekehrten jener Zeiten, in denen sie dreimal pro Woche ins Steakhaus liefen und sich diese ekelhaften blutroten Fleischlappen, well-marbled, schön fett also, reinhauten. Mittlerweile macht sich jeder Gastgeber, jede Hausfrau unmöglich, wenn Nonos aufgetischt werden, und auch das schaumigste Sahnesößchen wird mit angewiderten Blicken an den Tellerrand befördert. Übrigens lassen sich auch Hamburger mittlerweile aus Geflügelhack klopsen. Ein Dessert wie das früher beliebte Oeufs à la neige oder Mousse au chocolat reicht heute, um selbst notorische Vielfraße in die Flucht zu treiben. Was aber Eier betrifft, so versuchten es die Amerikaner mit mehr Fischmehl im Hühnerfutter. Das Ergebnis schmeckte zum Abgewöhnen und stank wie aus der Heringsfabrik. Cholesterin? Wie gewohnt.

In Europa war die Antwort auf das Cholesterinproblem vielschichtiger. "Es werde light", beschlossen die Herren der Marketing-Strategien. Bier, Zigaretten, Schnittkäse in Scheiben und Schokopudding in Bechern, Margarine, Eiscreme, Wurst und Lutschbonbons – alles muß leichter werden. Äußerlich dem Original so weit wie möglich angeglichen, steckt doch nur ein Bruchteil von dem drin, was uns normalerweise fett, blau oder krank macht. Die Quadratur der Begierde: Voller Genuß bei halber Reue, davon träumten die Menschen schon immer, nun stehen wir kurz vor der Erfüllung.

In diesem Zusammenhang kommen wir auf das Ei der Läuppis zurück. Fünf Jahre hat das Ehepaar hin- und hergekreuzt, um ihren Hühnern das Cholesterin aus den Eiern herauszudividieren. Den Namen der Rasse wollen sie ebensowenig verraten wie den genauen Standort der Farm, wo die 400 Wundertiere freilaufend herumpicken. Wer der Natur auf die Sprünge verhelfen will, muß harte Rückschläge einstecken; diese Lektion lernten auch Läuppis. "Die Legeleistung war unbefriedigend", die Tierchen traten zeitweise in den Streik. Dann wieder fielen die Eier so klein aus, daß sie mit der EG-Norm nicht mithalten konnten. Aber nun stehen sie in Schweizer Ladenregalen, für circa sechzig Rappen das Stück: Eier Marke "Greenhen". Grün? Aber ja, das ist der Clou. Eine apart hellgrüne Schale. Isabelle im schönsten Aargauer Singsang: "Ja, das können wir uns auch nicht recht erklären, wieso." Aber wir: Ostern. Frühling. Verjüngung! ist die Botschaft.