Von Renate Klett

Es gibt sie noch gar nicht so lange, aber sie ist fast schon eine Legende, ein Hamburger Symbol zwischen Michel und Hafenstraße, eine Volkstheaterfigur wie aus dem Bilderbuch: Marlene Jaschke, die Heidi Kabel der Alternativen. Wenn sie auf die Bühne stürmt, mit rotem Hut und roter Bluse, Bequemschuh und Perlenkette, Hornbrille und Umhängetasche, dann johlt der Saal. Mit langen Hüpfschritten, weichen Knien und vorgestrecktem Oberkörper, die Lippen ganz verkniffen vor lauter Begrüßungslächeln und Mitteilungsdrang – so federt sie den Zuschauern entgegen, und man weiß sofort, daß man sie schon seit Jahren kennt.

Sie ist eine tolle Erfindung, die Kleinbürgerin Jaschke aus der Buttstraße in St. Pauli, jeder hatte eine Erdkundelehrerin, die so war oder eine Kollegin aus dem Vertrieb – die Mischung von Wiedererkennen und Überraschungseffekt ist unschlagbar. Und wenn sie in ihrer missingsch-altjüngferlichen Art von zu Hause erzählt ("Also, ich wohne Parterre, und neben mir, da wohnt der Herr Westpfahl, das is’ der Hausmeister, den kann ich nich’ ab, und über ihm meine Freundin Hannelore Knauer und neben ihr die Familie Gülle Gülle") oder von der Welt ("Jeden Mittwoch, da geh ich konsequent zum Atmen von der Volkshochschule aus"), dann sieht man alles vor sich: die Buttstraße, das Mietshaus und den kompletten Atemkurs von Frau Hohlmeier.

Dahinter steckt eine Volksschauspielerin von hohen Gnaden: Jutta Wübbe. Die heute 35jährige, die nicht an der Schauspielschule lernte, sondern am Leben, arbeitete jahrelang bei der Sparkasse und im Elektrizitätswerk, bis sie – "reiner Zufall", sagt sie, "aber Zufälle gibt’s ja nicht" – an einem Clownsworkshop teilnahm. Ab da war kein Halten mehr: Sie kündigte die sichere Stelle samt Bausparvertrag und "wollte nur noch Clownin werden, so richtig mit roter Nase an der Straßenecke". Irgendwann fiel die rote Nase weg, die Umhängetasche kam und das Kostüm, und eines Tages war sie geboren: Marlene Jaschke Superstar.

Plötzlich gab es sie überall, beim Straßenfest und beim Hafengeburtstag, beim Alstervergnügen und beim bunten Nachmittag im Altersheim. Da kam es schon mal vor, wenn sie von der Kaffeetafel aufstand und mit lauter Stimme über den Rührkuchen und die Tiefkühlkost im allgemeinen räsonierte, daß die Pfleger sie fortschicken wollten, "weil doch gleich die Frau Wübbe kommt mit einem Programm". Aber sie machte einfach weiter, "solange die Frau Wübbe noch nicht da ist", und verabschiedete sich dann, während die anderen noch immer auf Godot warteten.

Schließlich wurde das Variete-Theater Schmidt auf sie aufmerksam und präsentierte sie in seiner Tresenshow – scharfe Kurve in Richtung Karriere. In der Erfolgsproduktion "Blaue Jungs" spielte sie vier Monate lang alles an die Wand, und seither ist das Schmidt ohne sie gar nicht mehr denkbar. Mal tritt sie nächtens in der Schmidt-Show auf: als Frau aus dem Volk, Siegerin einer "Verlosung" unter 3000 Bewerbern. Mal spielt sie im Abendprogramm ihr heiß umjubeltes, stets ausverkauftes Solo "Marlene Jaschke kommt".

Dabei gelingt ihr, was sonst nur die großen englischen stand-up comedians können: Sie setzt eine Figur und Situation und improvisiert den Rest. Natürlich gibt es feste Handlungsteile und einen roten Faden, aber der Abend ist jedesmal anders, je nach Reaktion des Publikums und eigener Laune.