Dienstag, 7.30 Uhr: Brückenrasthaus Frankenwald an der bayerischen Grenze. Erster Stopp. Seit fünf Uhr morgens sind sie mit dem Bus unterwegs, fünfzig Sachsen auf Kaffeefahrt nach Bamberg. "Hast du Geld dabei?" fragt eine junge Frau ihre Nachbarin. "Na ja schon, man weiß ja nie", sagt die.

11.45 Uhr: Ein Gasthof in Forchheim. In einem kalten, tristen Saal warten rund 250 Kaffeefahrer auf die angekündigte "Werbeverkaufsveranstaltung". Viele der überwiegend alten Leute aus Leipzig und Chemnitz sitzen dort schon seit eineinhalb Stunden geduldig bei einem Glas Limonade. Zwei der fünf Busse hatten Verspätung. Endlich Licht auf der Bühne. Günther erscheint, ein smarter Mittdreißiger mit dunklem Anzug, blaugetönter Pilotenbrille und Zahnpastalächeln. Er und "Manni, mein Freund aus der Jugend", sind mit Porsche und BMW vorgefahren und haben "schon viele, viele solcher Veranstaltungen" durchgezogen. "Verheiratet, zwei Töchter, Ostfriese, Schuhgröße 43", stellt sich Günther vor. Die ersten Lacher, doch noch ist das Eis nicht gebrochen. "Ich verkaufe ihnen heute Betten, hundert Prozent Merino-Wolle", sagt Günther, und die Wissenden im Saal lachen noch einmal. "Hat man doch schon im Fernsehen gesehen, den Nepp mit den Betten", murmelt einer abfällig. Da wird Günther sehr, sehr böse. "Wer hier meint, er wird betrogen, hätte gar nicht mitfahren dürfen", sagt er, und dann verflucht er zehn Minuten lang die Ungläubigen, schimpft, klagt und droht ins Publikum. "Gib’s ihnen ordentlich", feuert ihn Manni im Hintergrund an. Günther macht eine Kunstpause, und eine Rentnerin sagt traurig: "Jetzt ist er uns böse." Sie wird eine der ersten sein, denen Günther und Manni eine Stunde später ein Bett verkaufen. "Die aus der DDR sind gewöhnt, zu kuschen", erklärt am nächsten Tag ein Verkaufstrainer Günthers Strategie. "Die mußt du einschüchtern, dann fressen sie dir aus der Hand."

12.00 Uhr: Nach der Peitsche das Zuckerbrot. "Sehr geehrte Damen und Herren, darf ich um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten", flötet Günther, "ich will Ihre Federbetten nicht schlechtmachen, aber...", und dann erzählt er von schrecklichen Allergien, unzähligen Milben, dreckverklumpten Federn. Die Show zieht. Zwanzig Minuten später die Frage: "Wer kann mir einen einzigen Vorteil von Federbetten nennen?" Die Zuhörer schweigen betreten. Jetzt sind sie reif. "Erstklassige Wollbetten für nur 598 Mark, plus Geschenk. Der Preis ist Marktwirtschaft", sagt Günther, "die Leute aus der DDR wissen doch, warum sie immer im Westen einkaufen. Da ist alles billiger, auch die Decken."

1230 Uhr: Mittagspause. Schweinebraten oder Schnitzel? Während die Bambergfahrer futtern, schreiben Günther und Manni Dutzende von Verträgen. Die Interessenten stehen Schlange. "Wenn mir die Betten nicht gefallen, schick’ ich sie denen einfach zurück", sagt ein Frührentner aus Leipzig. "Die kommen doch erst nach der Rücktrittsfrist", warnt seine Frau. "Trotzdem", sagt er.

13.30 Uhr: Werberede, zweiter Teil. Günther lobt das Publikum. "Der Verkauf läuft nicht nur gut, er läuft sehr gut. Sie haben’s kapiert." Die Rentnerin freut sich: "Jetzt ist er uns ja wieder gut. Beim nächsten Mal soll er gleich alle wegjagen, die ihm nicht glauben. So was ist doch ungezogen, mitfahren und dann nichts kaufen." Für diese kurze Rede bekommt sie von Manni ein Lob. Da kauft sie gleich noch ein Vibrationskissen gegen "Wadenkrämpfe, Krampfadern, Migräne, Hexenschuß und Verdauungsbeschwerden". "Dieses Gerät kostet in medizinischen Warenhäusern 800 Mark", behauptet Günther. Er verkauft es für nur 498 Mark, zahlbar in acht Wochen – Manni sprintet mit den Kissen durch den Saal und verteilt sie an die ungeduldigen Kunden. "Hoffentlich gehen sie nicht aus", bangt eine junge Frau und ist froh, als sie doch noch ein Massagekissen abbekommt. Günther setzt gleich noch eins drauf: "Wer mich ganz gut leiden mag, darf mich beim Spitznamen nennen, Schnulli." Da gehen noch mehr Kissen weg, und Schnulli freut sich.

14.00 Uhr: Unruhe im Saal. Die ersten Kaffeefahrer meckern, weil Günther kein Ende findet. Wann geht’s nach Bamberg, fragen sie. "Das Schiff dort wartet", tröstet Günther. Im übrigen findet er Meckern "unfair". "Wenn ich Ihnen die Sachen nicht gezeigt hätte, hätten Sie nicht kaufen können. Und Sie wollten doch kaufen." Drei Sonderangebote hat er noch auf Lager. "Reißen Sie sich solange noch zusammen." Die Luft im Saal ist stickig. Ein Rentner öffnet die vierte Flasche Bier, seine Frau klagt derweil über Rückenschmerzen. Die Nachbarin, Mitte achtzig, wimmert nur noch.

14.10 Uhr: Endspurt. Günther bietet Melkfett an – ein Naturheilmittel, das sich vor allem bei der Behandlung von Kuheutern bewährt. Ein halbes Pfund für zwanzig Mark und eine Armbanduhr extra. "Vor allem für die Damen. Glättet die Haut wunderbar." Die Damen greifen zu. Dann gibt es für fünfzehn Mark noch einen Liter Wollwaschmittel inklusive "Handstaubsauger", der sich als Krümelbürste entpuppt. Das letzte Angebot von Günther: Heilkräuteröl plus Goldkettchen, "natürlich nicht echt, aber echt toller Schmuck", für alles in allem zwanzig Mark. Für seine Firma arbeiten in ganz Deutschland fünfzig Kollegen, mit hunderttausend Gästen im Monat. "So bekommen wir Rabatte", sagt Günther und schreibt ein B aufs Kräuterölfläschchen. "B wie billiger." Da muß Manni gleich noch mal Nachschub bringen.