Von Christoph Bertram

Für den sonst so spröden Gerhard Stoltenberg ist er "ein besonders hervorragender Offizier", für viele seiner Bundeswehrkollegen "zur Zeit der beste Mann, den wir haben". Am Mittwoch dieser Woche hat Generalleutnant Jörg Schönbohm das Bundeswehrkommando Ost in Straußberg bei Berlin offiziell übernommen. Nun soll er schaffen, was niemand vor ihm geleistet hat und niemand nach ihm leisten muß: die Nationale Volksarmee der Einst-DDR drastisch reduzieren und zugleich die verbleibenden Soldaten in einer neuen Bundeswehr heimisch machen.

Noch wissen Schönbohm und die 1300 Soldaten der West-Bundeswehr, die ihn begleiten, nicht einmal, was von der NVA noch übrig ist, gar, wie ein hoher Offizier warnt, "was da alles noch herumläuft mit allen möglichen bösen Absichten". Vor einem Jahr noch trugen 172 000 Mann die Uniform der NVA. Weniger als 100 000 dürften es heute sein. Aber weil allenfalls die Hälfte davon in die bundesdeutsche Armee übernommen wird, davon rund 25 000 Wehrpflichtige, sehen sich viele Offiziere und Unteroffiziere am Ende ihres beruflichen Weges. Von Massenkündigungen wird berichtet, manche NVA-Kaserne gleiche einem Geisterhaus, viele Einheiten militärischen Attrappen.

Die Menschen, die dennoch weiterhin in den Geisterhäusern Dienst tun, stehen sämtlich in der Demut des Ungewissen. Sie, die einst dem Klassenfeind den Kampf gelobten, müssen nun einem General des früheren Gegners gehorchen. Sie müssen die Uniform der NVA ausziehen und bekommen, vom olivgrünen Arbeitsanzug abgesehen, die der Bundeswehr noch nicht: Die Kleiderstubenverwalter der Bonner Hardthöhe haben angeblich nicht genügend Vorräte parat. Ihre für Autorität und Selbstbewußtsein so wichtigen militärischen Ränge behalten die NVA-Soldaten nicht, sondern bekommen provisorische Dienstbezeichnungen. Sie müssen zudem, grummelt ein erfahrener West-Militär, "mit nackter Brust" antreten, und es ist für sie nur ein gelinder Trost, daß auch ihre zugereisten Noch-nicht-Kameraden in Ostdeutschland zunächst ebenfalls auf das Tragen aller Orden und Ehrenzeichen verzichten und sich nur olivgrün kleiden. Ob sie dann trotz aller Verlegungen und Hoffnungen am Ende in die Bundeswehr übernommen werden, kann ihnen niemand sagen. Die NVA-Überbleibsel sind Männer ohne Ruhm und Stolz, die zudem wissen, daß sie bei vielen westdeutschen Soldaten auf erhebliche Abneigung stoßen.

Zu Anfang hat auch Jörg Schönbohm geschwankt. Der 53jährige ist zwar in der Mark Brandenburg geboren, aber ein Kind der Bundesrepublik und ein Produkt der Bundeswehr. Dann jedoch kam er zu dem Schluß: Die neue Bundeswehr kann nicht gegen die NVA, sie muß mit ihr aufgebaut werden.

Der Planungsstab des Bonner Verteidigungsministeriums, dem Schönbohm bis zu seinem Wechsel nach Straußberg vorstand, arbeitete im Mai ein entsprechendes Konzept aus. Als dem General dann im August, kaum aus dem Italienurlaub auf die Hardthöhe zurückgekehrt, von seinem Minister angetragen wurde, den Plan selbst in die Wirklichkeit umzusetzen, nahm er ohne langes Bedenken "mit heißem Herzen und kaltem Verstand" an.

Warum die Wahl gerade auf ihn fiel? Die Personaldecke in den oberen Rängen der Bundeswehr ist dünn; es gab niemand anderen, niemand besseren. Schönbohm sollte ursprünglich im Oktober ein Korps der Bundeswehr übernehmen und dann im nächsten Jahr den jetzigen Generalinspekteur der Bundeswehr ablösen. Nun wird er sich zunächst in Straußberg auf ein Abenteuer einlassen, auf das ihn sein bisheriger Werdegang gewiß nicht vorbereitet hat.