Auf der Veranda schreien die Pfauen; im Wintergarten liest die zarte leidende Mutter den "Untergang des Abendlands"; Vater wäre am liebsten bei seiner Schwadron geblieben, aber das ist nach Versailles schlecht möglich. Jetzt trägt er die alten Uniformen auf und dient zu Haus. Zu Haus, das ist das Gut Namslau in Schlesien an der Grenze zu Polen: ein Herrenhaus mit Turm und Teich, mit dunklen Kellern, warmen Küchen, weiten Zimmerfluchten, umgeben von Wäldern und Feldern, bewohnt nicht nur von den hohen Herrschaften, sondern auch von Vikar und Verwalter, den Dienern und Eleven, Kindern und Tieren. Eine große Dekoration im feudalen Stil, getaucht in den grünblauen Farbton jener nahen, doch so fernen Tage, die fort sind, für immer fort und ganz vergangen, Erinnerungen von Maria Frise an die Zeit ihrer Kindheit in Schlesien in den Jahren von 1930 bis 1940. Die Autorin, 1926 in Breslau geboren und seit 1968 in der Feuilletonredaktion der Frankfurzwischen feudalem Schein und nationalsozialistischer Wirklichkeit die Perspektive des heranwachsenden Mädchens gewählt. Sie läßt sich, als wäre das so einfach möglich, losgelöst von den Erfahrungen und Gedanken der erwachsenen Frau, zurückgleiten in die naive Unschuld des Anfangs, in die geordnete Welt des kleinen Mädchens, das einmal Mucke hieß. Fragen, die dem Kind damals nicht einfielen, werden auch heute nicht gestellt. Mucke streift mit Bruder Julius durch Haus und Feld, erlebt Freuden, wenn sie hoch zu Roß die Großmutter besucht, wenn das Halali zur Jagd ertönt oder nach altem Brauch das Erntefest gefeiert wird. Sie leidet, wenn sie mit kurzgeschorenen Haaren und Brille in der Schule erscheinen muß, lernt, tapfer zu sein, hilft den Armen, besucht die Kranken, und wenn sie sich sonntags in der Kirche langweilt, baumelt sie mit den Beinen oder bohrt in der Nase.

Die Zeit hat für Mucke ganz unverständliche Dimensionen, die "vor Versailles" und "nach Versailles" heißen. Vorher hatte der Vater keine Schulden, der Tisch war größer und reichlicher gedeckt. Nach dem Unglück von Versailles geht die polnische Grenze mitten durch den eigenen Besitz, weht die deutsche Fahne nicht mehr über dem Reichthaler Ländchen, und auch das Flüßchen Pluskatz, das doch der Urgroßvater hat regulieren lassen, ist polnisch geworden; ganz zu schweigen von der entlaufenen deutschen Kuh, die die Polen hinterrücks geschlachtet haben.

Die Zeit bringt es auch irgendwie mit sich, daß die elfjährige Mucke zur stellvertretenden Jungmädchenführerein avanciert, ohne daß der Verein, dem sie da beitrat, überhaupt genannt wird. Das "Schulungsmaterial" liest Mucke nicht. Lieber singt sie mit ihrer Gruppe von der hellen Flöte oder den morschen Knochen. Aber im Geschichtsunterricht hat sie doch gelernt, wo Braunau liegt, und daß die Juden "unser Unglück und Aussauger und Schmarotzer" sind. Das fällt ihr auch wieder ein, als sie mit der Mutter zum Augenarzt, Professor Bielschowsky, nach Breslau fährt. Bielschowsky sagt, er müsse auswandern. Die Mutter ist bedrückt und sagt: "Er ist Jude " Mucke hält zwar den Professor für keinen Schmarotzer, aber da sie außer dem Lumpensammler im Dorf keinen Juden kennt, fragt sie eben auch nicht. Das Leben geht weiter: "An Vaters Geburtstag ist Jagd "

Was immer die Jugend in Schlesien zwischen 1930 und 1940 an Widersprüchen und Konflikten mit sich brachte, wird in Frises Genrebild einer "versunkenen Welt" abgeblendet, ins Harmlose entwirklicht oder mit einer prätentiösen Unschuld trivialisiert. So wird auch ganz beiläufig erzählt, daß sich der Vater, der früher dem "Stahlhelm" zugehörte, nun eine braune Uniform gekauft hat. Was den Vater in den Bund der Frontsoldaten, in jenes Sammelbecken des militanten Nationalismus gegen die Weimarer Republik trieb, bleibt genauso undeutlich, wie die später angedeutete Wandlung vom SA Mitglied zum Gesprächspartner der Moltkes im benachbarten Kreisau. Der Vater wird in den ersten Kriegstagen verwundet und stirbt. Mit seinem Begräbnis enden die Erinnerungen. Das letzte Kapitel des Buches berichtet von einem Besuch der Autorin in Polen - ein halbes Jahrhundert später. Das Schloß steht noch. Es dient jetzt als Heilanstalt für Alkoholiker. Beim Anblick der entzauberten Kindheitskulissen läßt die Autorin neben dem Schmerz über den "Zusammenbruch einer Welt" auch einige vorsichtig kritische Gedanken über das "Geschichtspanorama der Familie" und die Selbstgerechtigkeit des preußischen Adels zu.

Doch die Möglichkeit zur Trauer um diese (unsere) Geschichte, die ja eine Fähigkeit zur Erkenntnis derselben einschlösse, wird sogleich wieder verworfen. Wie der Deus ex machina erscheint ein alter Oberschlesier im Text und erzählt, was für anständige Leute doch früher auf dem Namslauer Hof lebten. Auch die polnischen "Fremdarbeiter", das weiß der alte Oberschlesier, wurden gut behandelt. Und damit ist das leicht verunsicherte Selbstgefühl der deutschen Besucherin wiederhergestellt.

So ist es nur konsequent, wenn sie ihr Buch mit der Erklärung abschließt, ihre Vergangenheit sei nun weit weggerückt, sie sei Legende geworden. Eine Legende, sagt das Lexikon, ist: 1 die Sage von frommen Menschen, 2 ein lange vergangenes, nicht mehr nachweisbares historisches Ereignis, 3. ein verzerrt dargestellter historischer Vorgang (siehe Dolchstoß Legende nach dem Ersten Weltkrieg) oder eine unglaubwürdige Geschichte. Welche Art von Legende Maria Frise im Sinne hat, mag sie wissen. Was sie offensichtlich nicht weiß, ist die Tatsache, daß unsere Vergangenheit nicht zur Legende wird, sondern daß wir dazu neigen, sie dazu zu machen, wenn wir nicht bereit sind, sie zu verstehen.

Maria Frise: