Romane, sagt er, "sind wie Rock Konzerte. Entweder bringst du die Leute zum Tanzen, oder sie feuern dir Bierdosen an den Kopf", und er habe den Ehrgeiz, mit seinen Büchern höhere Verkaufszahlen zu erreichen als Michael Jackson mit seinen Schallplatten. Falsche Bescheidenheit ist also Tom Coraghessan Boyles Sache nicht - und warum auch?

Mit seinen beiden, auch auf deutsch erschienenen Romanen "Wassermusik" und "Worlds End" hat der 41 Jahre alte Amerikaner bewiesen, daß literarische Raffinesse und ästhetische Relevanz sehr wohl mit populären Effekten und süffiger Lesbarkeit vereinbar sind. Selbst der Umstand, daß er an der Universität von Los Angeles Literatur lehrt, hat der Originalität und Vitalität seiner Werke bislang nichts anhaben können.

Die Kritik warf dann auch nicht mit Bierdosen, sondern brach in berechtigte Ovationen aus: Wegen seiner Fähigkeit, Einzelschicksale in große historische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu verwickeln, wird Boyle als "Dickens des 20. Jahrhunderts" gefeiert; seine überbordende Phantasie, die scheinbar hemmungslos, in Wahrheit aber wohlkalkuliert Fiktion und Fakten durcheinanderwürfelt, ist mit Gabriel Garcia Märquez verglichen worden, seine innovative Sprachkraft mit James Joyce und Thomas Pynchon. Jedenfalls leben Boyles Werke aus einer radikalen Vermischung von Elementen der Pop Kultur mit "seriösen" Traditionen; am unfruchtbaren Gegensatz von E- und U Kultur hält dieser Autor sich nicht auf, wenn er musikalische Strukturen Debussys oder Bachs ebenso nutzt wie solche der Doors oder der Beatles, wenn in seinen homerischen Entwürfen Gestalten lebendig werden, die direkt aus Underground Comics oder Fernsehserien entsprungen zu sein scheinen, oder wenn Schilderungen von großer poetischer Dichte mit dem Vokabular der Drogenszene angereichert werden.

Was (zumindest in der deutschen) Gegenwartsliteratur so selten gelingt, nämlich eine relativ neue Lebensform und Bewußtseinsebene mit ihren eigenen Mitteln darzustellen - und das heißt ja auch: literarisch herzustellen, nicht bloß zu behaupten , das wird bei Boyle zum Ereignis. In der vorzüglichen Übersetzung Werner Richters ist jetzt ein weiterer Roman Boyles in Deutschland erschienen: "Grün ist die Hoffnung". Auf den ersten Blick scheint er hinter die fabuliersüchtige Exotik des Afrikaromans "Wassermusik" ebenso zurückzufallen wie hinter die geschichtsträchtige Welthaltigkeit von "Worlds End", jenem Roman, mit dem Boyle das verstaubte Genre der Farniliensaga so glänzend aufpolierte, daß es wieder zum Spiegel zeitgenössischer Ich- und Welterkenntnis wurde.

Im Gegensatz zur komplizierten Dramaturgie und ausufernden Handlungsführung seiner Vorgänger ist die Fabel dieses Romans eher schlicht: Ein mit allerlei undurchsichtigen Geschäften hantierender Ex CIA Agent heuert einen Botaniker und drei mehr oder minder heruntergekommene Alt Hippies an, um gemeinsam ganz groß ins Marihuanageschäft einzusteigen. Die Arbeitsteilung sieht so aus, daß der Ex Agent das zu bebauende Land kauft, Kapital und Material stellt, der Botaniker das nötige Know how liefert - und die drei Hippies die Knochenarbeit verrichten. Man verspricht sich einen Gewinn von satten 1 5 Millionen Dollar und beginnt in den einsamen Hügeln Mendocino Countys, nördlich von San Francisco, voller Elan mit der illegalen Landwirtschaft.

Doch eine Fülle äußerer und innerer Widerstände vernichten den größten Teil der Ernte; im Kampf gegen Staub und Schlamm, Regen, Sonne und Feuer, Ratten und Bären, mißtrauische Nachbarn, argwöhnisch dienstgeile Polizisten und erpresserische Mitwisser bleiben den drei Hippies am Ende nur gut 4000 Dollar für ein Jahr härtester Arbeit. Der Botaniker, dem die Sache zu heiß und nicht lukrativ genug ist, steigt aus, um seine akademische Karriere nicht zu gefährden, und der Ex CIA Agent, der den Deal eingefädelt hat, haut seine Partner kräftig übers Ohr. Weit davon entfernt, einen reißerischen Drogenkrimi zu schreiben (obwohl die Geschichte ungeheuer spannend ist), geschweige denn eine sentimentale Ballade auf Hippietum und Kifferseligkeit anzustimmen, hat Boyle aus dieser Grundidee einen psychologisch überzeugenden, übrigens auch makaber komischen, Erziehungs- und Entwicklungsroman gemacht, durch dessen satirischrealistische Oberfläche immer "wieder eine metaphysische Tiefenschärfe dringt.

"Eine Pastorale", also eine kleine, idyllische Oper, nennt Boyle das Werk ironisch. Beiläufig deutlich jedoch als poetologische Aussage in eigener Sache zu erkennen - heißt es einmal über Johann Sebastian Bach, daß er kleine Themen "zu großen Melodien" entfaltet und seine Kompositionen auf diese Weise sukzessiv vorangetrieben habe. In diesem Sinn beschränkt sich Boyle aufs kleine Thema seiner Grundidee, verkompliziert diese nach und nach durch die Intrige des CIAAgenten zu einem überraschenden Plot, entfaltet aber seine große Melodie in zahlreichen Nebenepisoden auf der Basis einer überbordenden Erzähllust, die alles, was sie berührt, zu Plastizität und Vitalität erweckt. Dem Roman kommt wohl auch zugute, daß Boyle hier stärker als in seinen anderen Werken "bei sich selbst" ist, in der Szene, vor allem auch in der Sprache dieser Szene, aus der er selbst stammt.