Von Christine Brinck

MÜNCHEN. – Ist die DDR-Wissenschaft wirklich der Trabi, der im Vergleich zum Daimler, den die West-Wissenschaft so gern für sich in Anspruch nimmt, auf hoffnungslos verlorenem Posten steht?

In die Welt gesetzt hat diesen flotten Vergleich Professor Dieter Simon, ein Rechtshistoriker aus Frankfurt. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats will das inzwischen zwar differenzierter sehen, aber die Frage bleibt: Was sollen wir von den DDR-Professoren halten, was von der DDR-Wissenschaft?

Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann bat unlängst seinen DDR-Kollegen Hans Joachim Meyer, in diesem Jahr keine Professoren mehr zu berufen. Meyer hatte nämlich in der gemeinsamen Ost-West-Bildungskommission die Absicht geäußert, noch vor dem Beitritt der DDR 240 Lehrstühle neu zu besetzen. Möllemann fürchtet um den nötigen Reformprozeß, falls belastete Wissenschaftler schnell noch Lebensstellungen erhalten sollten.

Die sogenannten Parteibuch-Karrieren, die SED / PDS-Seilschaften an den DDR-Hochschulen, sind die akademischen Altlasten des anderen deutschen Staates. In den Geisteswissenschaften stellt sich dieses Problem naturgemäß gravierender dar als in den Naturwissenschaften. Ist doch die streng marxistisch-leninistische Ausrichtung der Lehre, über vierzig Jahre lang zementiert, nicht nur ein Problem curricularer Bereinigung, sondern vor allem eine Frage des Kopfes. Für die Geisteswissenschaften heißt das: Die Professorenschaft und das wissenschaftliche Personal müssen zurücktreten. Die Frühpensionierung eines ohnehin älteren Lehrkörpers ist dabei nur ein Teil der Lösung. Denn die Assistenten, die "drüben" nicht wie bei uns mit Zeitverträgen arbeiten, sondern praktisch verbeamtet sind, würden bleiben. Marxistisch infiziert sind sie jedoch genauso.

Ein Hauptstudium, in welchem von Semester zu Semester das Gewicht des marxistisch-leninistischen Nebenstudiums beständig wuchs, muß seltsame Blüten treiben. Das mag sich auf den zukünftigen Mediziner oder Mathematiker nicht so deformierend auswirken wie auf den Literaturwissenschaftler. Für die Grundausrichtung der Akademiker aber bleibt es nicht ohne Folgen: Ein Mediziner mußte immerhin genauso viel ML-Lehre belegen wie Anatomie.

Richtig ist, daß es nicht nur SED-Profs in der DDR gab. Auch muß der überzeugte SEDler nicht notwendigerweise der schlechtere Physiker sein. Freilich wird jedem, der unter dem DDR-System als solchem und unter dem Hochschulsystem insbesondere litt, wie auch jedem wahren Demokraten, die Idee der sang- und klanglosen Übernahme der DDR-Professoren ins (westdeutsche) Beamtenverhältnis ein Greuel sein.