Es geht ein Gespenst um in der Literatur, das Gespenst vom Buch über nichts. Anders, als man denken würde, sind es nicht die Lyriker, die vor allem von diesem Gespenst heimgesucht werden, es sind die Prosaisten. Flaubert, ihr größter, gestand: "Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts Robert Waiser wollte "mit Worten musizieren". Und der 73 Jahre alte Schweizer Gerhard Meier, der diese beiden Ansprüche gerne zitiert, hat es in der Kunst über nichts zu einer doppelt rätselhaften Meisterschaft gebracht.

Meier schreibt eine Prosa, die wie Uferwellen in der Morgensonne glitzert, eine Prosa, in der Erinnerungen und Assoziationen, Natureindrücke und Düfte und Klänge sich zu Satzschleifen verbinden - über alles und nichts. Nur: Meiers "Nichts" ist von rätselhafter Substantialität, es kann Meier Leser derart süchtig machen, daß ihnen das "Etwas" anderer Autoren daneben wie nichts vorkommt. Und je länger man der Meier Lesesucht frönt, desto rätselhafter wird das suchterzeugende Nichts.

Am Anfang freilich ist, was bei Süchtigen vorkommen soll, alles ganz anders und einfach. Vom "Nichts" keine Spur. Gerhard Meier ist ein menschenfreundlicher Mann, er weiß, daß Leser vor dem "Nichts" zurückschrecken, er weiß, daß wir Personen und Handlungen lieben und daß viele von uns sich an einem Ort wohlfühlen, den sie mit der Zeit kennen. Und er ist gerne bereit, seine Prosa über nichts in einer derart menschenfreundlichen Kulisse zu verstecken. Also spielt er mit uns das Spiel das die Schweizer Autoren seit über hundert Jahren mit ihren Lesern spielen: Er verlegt, mit einem Titel Paul Nizons zu sprechen, seinen Diskurs in die helvetische Enge, er erfindet sich ein Kaff in der Provinz und macht sich zu seinem Chronisten.

Der Hauptort der Meierschen Poesie heißt seit Jahr und Tag Amrain, seine Haupteinwohner Kaspar und Katharina Baur und ihr Freund, der uns Meiers Romane erzählt, Rudolf Bindschädler. Durch die drei Bände der "Baur und Bindschädler" Trilogie ("Toteninsel", 1979; "Borodino", 1982; "Die Ballade vom Schneien", 1985) hat er uns aus seinem und Kaspar Baurs Leben erzählt. Er ist mit Baur durchs Schweizer Städtchen Ölten spaziert, er hat ihn zur Karnevalszeit in Amrain besucht, und er begleitete den sterbenden Freund im Spital zu Amrain durch die letzte Nacht. Und immer sprachen die beiden, über Gott und die Welt, über Bilder und Bücher, über alles und nichts und am meisten über Amrain.

Meiers Romane haben Amrain zum reizendsten und bestbekannten Provinzhauptort der Schweizer Literatur dieses Jahrhunderts gemacht. Wir kennen seine Winde und Wolken, sein Licht und seine Luft und, natürlich, das Leben und Sterben seiner "Geschlechter" und "Sippen". Und wir haben in Amrain etwas Seltenes fürs Leserglück: einen Ort, den wir uneingeschränkt lieben dürfen. Was sich von Güllen, Jammers und Schiiten, Amrains literarischen Nachbarorten, ja nicht sagen läßt. Und von Seldwyla ist hier nicht zu reden.

Baurs Tod am Ende der "Ballade vom Schneien" ist ein ergreifender Höhepunkt der neueren Schweizer Literatur. Für Gerhard Meier war es lange Zeit der Schlußpunkt seines Schreibens. Er habe das mit "Gleichmut hingenommen", erklärt er mit zweien seiner Lieblingswörter. Mit dem Schreiben habe er spät begonnen, von Anfängen in der Jugend abgesehen erst, als er vierzig war und noch Fabrikarbeiter. Täglich eine Stunde habe er damals geschrieben, nach Arbeitsschluß im Gartenhaus (und noch heute steht die Uhr über seinem Schreibtisch auf seiner "Lieblingszeit", fünf vor fünf). 1971 riskierte er eine karge, von seiner Frau mitfinanzierte freie Schriftstellerexistenz. In rascher Folge entstanden ein Prosastück ("Der andere Tag", 1974) und fünf Romane ("Der Besuch", 1976; "Der schnurgerade Kanal", 1977; und die "Baur und Bindschädler" Trilogie). Und dann habe es eben auch wieder aufgehört. Die folgenden Jahre gehörten der Arbeit an einer Gesamtausgabe, was schließlich auch nicht jeder erleben dürfe, eine dreibändige Ausgabe "letzter Hand", zum Siebzigsten.

Auch Meier durfte nicht. Im letzten Jahr kamen wieder Satzfetzen geflogen, vereinzelte zuerst, dann ganze Wolken, und schließlich flog, in drei, vier Wochen, so schnell wie nie ein Roman, das "Land der Winde" aufs Papier. Aus der Triologie war eine Tetralogie geworden. Und nun reden sie wieder, Bindschädler, die Katharina und, ja, auch der tote Baur. Er eröffnet das "Land der Winde" mit einer Rede aus dem Grab.