Im Jahr 1949 mußte Pier Paolo Pasolini, Lehrer und Sekretär einer KPI Ortsgruppe in Casarsa, die Schule, die Partei, seine Heimat Friaul verlassen und mit seiner Mutter nach Rom fliehen: Ein Pfarrer hatte unter Brechung des Beichtgeheimnisses die angeblichen homosexuellen Sünden des Siebenundzwanzigjährigen publik gemacht. In Rom wohnte er mit seiner Mutter in mehr als ärmlichen Verhältnissen in den borgate, der Vorstadt, den heute noch bedrückenden, slumartigen Vorortsiedlungen für die Arbeiter aus dem Süden.

Bis dahin hatte der streng katholisch erzogene Pasolini ausschließlich Gedichte im friaulischen Dialekt veröffentlicht. Gedichte über Casarsa, das Dorf seiner "glücklichen" Jugend, über die Ebene Friauls mit den grünen Feldflächen, den Trauerweiden und Pappeln - "eine nostalgische Natur". In Rom dagegen zog er durch die borgate, sah die mehrgeschossigen Betonbauten und die ausgetrockneten Felder im Sommer - "eine Landschaft der Gewalt, eine südliche Landschaft, die eigentlich mehr der dritten Welt angehört und die ich sehr geliebt habe. Ich kam nach Rom fast wie ein englischer oder deutscher Tourist, der in den Süden fährt "

Sechs Jahre später, 1955, erschien "Ragazzi di vita", die "Jungs von der Straße", Pasolinis erstes Prosawerk, in dem er das Leben der schwarzhaarigen ragazzi aus den borgate beschrieb - Strichjungen, Gauner und Spieler: "Die Notwendigkeit hat mich zu dieser unmittelbar menschlichen, lebensnotwendigen Erfahrung mit einer Welt gebracht, die ich dann beschrieben habe und noch beschreibe. Von meiner Seite aus war da keine Wahl, sondern so etwas wie ein Zwang des Schicksals: und weil jeder Zeugnis über das ablegt, was er kennt, blieb mir gar nichts anderes übrig, als Zeugnis über die römische borgata abzulegen " In den borgate hatte Pasolini eine andere Heimat entdeckt, eine in ihrer Sinnlichkeit ganz neu erfahrene vita - bedrohlich in ihrer Direktheit, aber auch voller Anmut und Vitalität "Ragazzi di vita" ist der perfekte Widerschein dieser ergreifenden Begegnung. Mit einer solchen Genauigkeit und Klarheit hat Pier Paolo Pasolini diese Welt, mit der er sich thematisch auch später noch beschäftigt hat (ursprünglich war "Ragazzi di vita" als Trilogie über die borgata geplant, von der nur noch das zweite Buch "Una vita violenta" erschien), nie wieder beschrieben.

An den Außenbezirken der Ewigen Stadt, dort wo die Betonbauten sich auftürmen, die Fenster "wie aufgestapelt" wirken, abends die rosa und weißen Fassaden "wie Pralinenpapier" leuchten und nachts die Wohnblöcke "wie eine Marslandschaft" aussehen, entsteht ein löchriger, kolosseumsartiger Ring - ebenso monumental wie das ewige Rom. Pasolini begeht diesen Ring und zählt neue Ruinen auf: Straßenüberführungen, Bretterzäune, Hüttensiedlungen, Gerüste, Baustellen, Betonhäuser, "die; noch nicht einmal fertig, schon wie Ruinen aussahen", Straßen mit Schlaglöchern, Unrat, Abfallhaufen, die von der Sonne "geröstet und gebacken" herumliegen. Er verzeichnet die Wegführungen, geht an Baustellen und Schutthaufen vorbei, notiert sich die Abbiegungen, nennt die Namen der unbekannten Orte: Tiburtino, die Borgata Prenestino, Acqua Bullicante, Maranella, Mandrione, Porta Furba, Quarticciolo, Quadraro - ein Stadtführer für Roms andere Seite.

Daß er durch die Straßen der Peripherie auch als Liebender in den Fußspuren der ragazzi wandert, verschweigt er nicht. Er ist antikonformistisch genug, um die Sexualität beim Namen zu nennen, aber er beschreibt sie zurückhaltend, noch ganz ohne die aggressive, verletzende Provokationslust seiner späteren Werke. Hingerissen betrachtet der Erzähler diese Jungs namens Riccetto, den Lockenkopf, Caciotta, Begalone, Lenzetta in ihren leiseren, proletarischen Gesten, wenn sie etwa vor dem Baden ihre "Sachen sorgfältig mit einem Gürtel verschnüren", oder wenn sie den Kamm "unters fließende Wasser" halten, um sich so "schön wie Kleopatra" zu frisieren.

Die ragazzi di vita sind mutig und komisch in ihrem unbeirrten Draufgängertum, abenteuerlustig und vertrauensselig, manchmal dumm und nachlässig. Sie sind hungrige Streuner, die ständig nach kleinen Gaunereien suchen. In den Verschnaufpausen liegen sie am Strand von Ostia oder auf dem schmutzigen Gras" der Tiber Terrassen, baden nackt "im seichten Wasser und im Schlamm" oder bespritzen sich "mit der Brühe des Chlorrinnsals". Als "Minutenliebhaber" prostituieren sie sich bei den Homosexuellen, aber, wenn sie selbst gerade "so scharf und aufgegeilt" sind, "daß sie sich sogar ne Siebzigjährige durchgezogen hätten", können sie die "dickbäuchigen Drecksfotzen" der Stadt nicht bezahlen.

Diese versagenden Papagalli aus dem Ghetto führen gewiß keine Dolce vita, sind aber überreich an Erfindungsgabe und überschütten ihre Umwelt ununterbrochen mit üblen sexuellen Beschimpfungen in einem unnachahmlichen römischen Dialekt. Erotische Stellen gibt es im Buch so gut wie keine, und ein Prozeß, der nach dem sensationellen Erfolg des Buches angestrengt wurde ("Raggazi di vita" erschien Ende Mai 1955. Mitte Juni war die erste Auflage bereits vergriffen), endete mit einem Freispruch. Obszön ist lediglich die Sprache der raggazi, die Pasolini unverfälscht übernimmt. Das macht die Lektüre zuweilen etwas langatmig, aber der Leser muß bereit sein, diesem "Abstieg" in den "Naturzustand des Dialekts" zu folgen (als "Erkundungs- und Tarnoperationen des Abstiegs" bezeichnet Pasolini seine Methode, sich der gesprochenen Sprache seiner Figuren zu bedienen), denn gerade das macht die Bedeutung und das Großartige dieses Buches aus. Pasolini will nicht einen Dialekt literaturfähig machen, sondern die Authentizität einer individuellen Sprache verteidigen.