Jetzt sind sie also da. Und Bonn ist sozusagen hautnah auf sie eingestellt – wenn es denn gelingt, die 144 Abgeordneten aus der Nichtmehr-DDR in dem Gewühl überhaupt auszumachen, das an diesem Premierenfreitag im Plenum herrschen wird. Da verschwinden Trennlinien und gewohnte Gruppierungen; die vertrauten Gänge zwischen den Stuhlreihen gibt es so wenig wie die reinliche Scheidung zwischen Parlamentariern, Regierungsmitgliedern und Besuchern; statt dessen: überall Abgeordnete.

Schon die bisher 519 Mitglieder des Hauses haben sich nur mit Mühe im Wasserwerk unterbringen lassen; jetzt quetschen sich auf neuen, noch schmaleren Sitzen 663 Parlamentarier, noch über das eigentliche Plenum hinaus. Und drangvolle Enge auch ringsum: In verstreuten Quartieren rund um das Bundeshaus mußten ja auch Arbeitsräume freigemacht werden; kaum einer findet sich noch durch, wer wohin zusammengerückt ist.

Obendrein handelt es sich nur um ein Provisorium vor dem Provisorium, bis zum 2. Dezember. Nach der Bundestagswahl wird es neue Mieträume und einige Fertigbauten geben, mit eineinhalb Büroräumen für jeden Neuen aus den neuen Teilen Deutschlands, wie bei vielen der Alteingesessenen. Aber auch dann weiß man noch nicht, wie das wird mit dem Regierungssitz Bonn und der Hauptstadt Berlin: Alles ist noch vorläufig.

Ganz vorläufig ist auch der Einstand. Bis zur Dezemberwahl wird der Bundestag nur noch zu zweieinhalb Sitzungswochen zusammentreten; der Rest ist für den Wahlkampf reserviert. Also reicht der Einstand gerade eben für ein flüchtiges Hineinschnuppern in den ganzen Bonner Betrieb – wie es nicht wenige der neuen Abgeordneten in der vergangenen Woche getan haben, mal ganz privat, mal gucken. Ob sie nun noch viele Erfahrungen sammeln können, steht dahin, denn die paar Sitzungswochen werden ihrerseits schon Wahlkampf sein, mit dem Plenum als Tribüne.

Da wird dann jeder auf jeden mit Argusaugen blicken. Zum Beispiel ist die Neigung nicht sehr ausgeprägt, der PDS im auslaufenden Bundestag Treppchen an die Tribüne zu bauen. Finden die anderen Neuen Anschluß bei den etablierten Fraktionen, so können die PDS-Parlamentarier mangels Masse nur eine Gruppe bilden, über deren Rechte die Geschäftsordnung nichts sagt. Darüber wird wohl noch einiges Gerangel stattfinden, und einer wie Gregor Gysi wird dabei kräftig mithalten.

Im Kontrast dazu die vergangene Woche. Hätte nicht der Bundesrat eine Sondersitzung eingelegt, um sein Pensum aufzuarbeiten, Bonn wäre wie eingemottet erschienen. Die Bonner waren ausgeflogen, erst zu den Parteitagen der SPD, FDP und CDU, auch zu den Landtagswahlkämpfen in der Noch-DDR und in Bayern, dann zu den Vereinigungsfeierlichkeiten in Berlin. Das Bundesviertel lag seltsam still.

Ruhe vor dem Sturm? Das sagten die Zurückgebliebenen für alle Fälle: Wer weiß denn, was noch alles kommt. Womöglich dramatischen Entscheidungen gehen ja oft kleine, unauffällige, ganz banale Schritte voraus. Zum Beispiel hat auch die Stadt Bonn ein Auge darauf, daß den neuen, den zusätzlichen Abgeordneten an ihrer Wohlfahrt nichts fehlt, von Besichtigungstouren oder persönlichen Paten bis zum Dach über dem Kopf, zunächst in Hotels. Im Kampf um den Regierungssitz erinnert sie sich, daß der Parlamentarische Rat weiland nach Bonn kam, weil die Stadt ihn besser zu beherbergen wußte als Frankfurt (am Main). Dagegen die Zimmernot und das Gedränge in Berlin ...

Allerdings, manchmal spielt das Unterbewußtsein noch einen mächtigen Streich. "Willkommen Deutschland" hieß das Motto der Bonner Lokalfeierlichkeiten zum 3. Oktober, mit Vorstellung der neuen Länder. Aber wie hieß die Schlagzeile des Anzeigenblatts für die Bonner Haushalte? "Willkommen in Deutschland". Die Empfindungs-, die Zusammengehörigkeitsunion, sie steht noch im weiten Feld. Carl-Christian Kaiser