Von Julia Tugendhat

Sex-Talk" ist der Titel einer neuen Talk-Show im englischen Fernsehen. Das ist doch ein Widerspruch in sich, heißt es. Seit wann reden die Engländer über Sex? Immer noch hängt man an jenem Klischee von englischen Gentlemen, die in geselligem Kreis beim Portwein über schlüpfrige Witze lachen, während die Damen den Raum verlassen, um sich die Nase zu pudern. Zugegeben, die englischen Medien tun recht wenig, um mit dem Mythos aufzuräumen: "No Sex, please. Wir sind schließlich Engländer." Kleine Zoten und Anzüglichkeiten gehen meist nicht über die Anspielung auf das "Darunter" des Schottenrocks hinaus, und ein Komiker wie Benny Hill macht allenfalls als Gärtner vielleicht mal zweideutige Bewegungen mit einer Gurke.

Bei der Vorankündigung von "Sex-Talk" hatte auch ich zunächst meine Zweifel. Die Talk-Show wurde als seriöser fünfzehnteiliger Beitrag vorgestellt, bestehend aus Diskussionen und Features zu Themen wie Transvestitentum und Fetischismus. Die Zweifel waren unbegründet. In der Sendung geht es zur Sache. In der ersten Folge saß eine Gruppe junger Damen und Herren zusammen auf dem Sofa und diskutierte frei und offen über "Orgasmus". Die Übereinstimmung ging dahin, daß alles erlaubt sei, solange es sich um eine Beziehung handele, in der jeder den anderen achtet. Unerheblich war dabei, daß die meisten mehrere Beziehungen in der Woche zu haben schienen. Von Anfang bis Ende der Sendung gab es nicht einen obszönen Witz und auch keinen Grund, hinter vorgehaltener Hand zu kichern.

In der zweiten Folge zum Thema "Sex ohne Risiko" bestand die Runde aus einer Prostituierten, einem Aids-Infizierten, einer Feministin aus Asien und drei Heterosexuellen. Aus dieser Sendung gibt es kaum etwas, das sich für die Wiedergabe in einem renommierten deutschen Wochenblatt eignet. Nur soviel: Der Markt für Kondome mit Pfefferminzduft und eßbare Dessous boomt. Und unerschöpflich sind die Möglichkeiten, die Zahnbürsten und Frischhaltefolie bieten. Bis dahin hatte ich gedacht, Frischhaltefolie sei dazu da, Reste im Kühlschrank einzupacken.

Im großen und ganzen waren die Reaktionen auf die Sendung positiv. Lediglich eine kleine Zahl Journalisten trauert den alten Zöpfen und Werten nach und beklagt den Verlust von Privatsphäre und guten Manieren. Aber die Herausgeberin des Brautjournals Brides Magazine sagt: "Wir brauchen solche Sendungen... Sie glauben nicht, wie viele Briefe ich von jungen Menschen bekomme, die keine Ahnung haben. Sie schreiben lieber an mich, statt zu ihrem Arzt zu gehen. Ich kann auch niemand an eine Praxis zur Therapie von sexuellen Störungen verweisen, weil diese Angebote ein Jahr im voraus ausgebucht sind."

Das bestätigte mir ein Eheberater. "Viele meiner Klienten sind so erzogen, daß man nicht über Sex, Geld oder Gefühle spricht, und das gilt quer durch alle Altersstufen. Ich verbringe den größten Teil meiner Zeit damit, den Patienten zu sagen, daß sie nicht anormal veranlagt sind. Sie brauchen eine Erlaubnis, um die Knöpfe aufzumachen."

Die Reaktion eines Neunzehnjährigen: "Ich halte diese Sendungen für sehr sinnvoll, weil sie so viel Information bieten. Die Teenager geben zwar wie verrückt mit Sex an, aber im Grunde sind sie unsicher und haben Ängste. Im Film sieht Sex immer so einfach aus, was gesagt werden muß, ist aber, daß das nicht so ist."