Einsamkeit ist, das sagen alle Soziologen, ein Massenphänomen, das von den Betroffenen zwar oft als Makel empfunden, als solcher aber gern geleugnet wird. Sehen wir einmal darüber hinweg, daß es Einsamkeit auch in der Zweisamkeit gibt, dann sind vor allem die sogenannten Singles betroffen. Etliche Millionen Menschen also in Deutschland.

Den Bedürfnissen Alleinstehender hat sich, zuerst zaghaft und diskret, nun langsam deutlicher, auch die Reiseindustrie zugewandt. Nein, nicht aus Nächstenliebe mit Plus/minus-null-Verdienst, sondern aus kühl kalkuliertem Grund, gestupst von Psychologen mit und ohne Diplom, von Marktforschern und nicht zuletzt von der Einsicht, daß sich hier ideeller Anspruch und Nützlichkeitsdenken gewinnbringend miteinander verbinden lassen.

Ökonomische Überlegungen erfordern, die Betten in Fremdenverkehrsorten möglichst auch in der Vor- und Nachsaison zu belegen. Und wer böte sich da als Zielgruppe besser an als die Singles, die keine familiären Verpflichtungen haben und deshalb viel flexibler über ihre Zeit verfügen können.

Die Untersuchung eines Münchner Marktforschungs-Instituts tüftelte aus, was wir uns immer schon dachten, nur nie so genau wußten. Rund sechzig Prozent aller Alleinstehenden verreisen mit dem Wunsch nach einem "erotischen Abenteuer", und fünfzig Prozent geben, anonym befragt, sogar zu, daß sie unter Erotik Sexualität verstehen.

Diese bewußten, aber nie offen zugegebenen Wünsche aus dem Schattenreich der Seele sind die Leimruten, die von den Fremdenverkehrsverantwortlichen ausgelegt werden, wenn sie Programme ausarbeiten, die Ungebundene in lockerer Urlaubsstimmung zusammenführen sollen. Die alleinreisenden Feriengäste werden im Herbst auf abgelegene Almhütten, zu Weihnachten und Neujahr in die gering frequentierten Geschäftshotels der Luxuklasse gelockt oder auf Kreuzfahrtschiffe, die Gelegenheit zu engem Kontakt suggerieren.

Ohnehin ist viel Verkrampfung und Gehemmtheit im Spiel, wenn zu ausgefallenen Zeiten emotional verspannte Gäste aufeinander losgelassen werden. Noch dazu mit solch albernen Programm-Mätzchen wie Verkleidungspartys oder "geselligen" Saufrunden. In diesen Situationen manifestiert sich um so stärker die Außenseiterrolle, in die Alleinstehende vom Rest der Gesellschaft gedrängt werden sollen. Schließlich: Im Urlaub auf Jahreszeiten verwiesen zu werden, wo ein Mangel an anderen Gästen zum Alleinsein in gähnend leeren Hotelhallen und Restaurants zwingt, das sind Situationen, die auch Pärchen melancholisch stimmen können.

Viel ehrlicher wäre es, wenn Fremdenverkehrsdirektoren und Tourismusmanager sich dafür einsetzten, daß mehr als bisher annehmbare Einzelzimmer in Hotels und Pensionen entstehen und nicht Klaustrophobie den Gast alsbald in die nächste Kneipe treibt. Auch wenn wir unsere Meinung mit keiner Statistik untermauern können: Singles wünschen sich, wie alle anderen Urlauber auch, ein gemütliches, geräumiges Zimmer mit einem schönen breiten Bett – auch für sich allein.

Rainer Schauer